Georg Büchner, Woyzeck

—  Materialienteil  —

 

 

 

Übersicht:

 

Texte zum Thema „Verbrechen, Schuld und Strafe“

Texte zum Thema „Psychologie im 18. Jahrhundert“

Ausgewählte Briefe Büchners

Märchentexte

Szenenübersicht

Strafgesetzbuch der Bundesrepublik (Auszüge)

Augenzeugenbericht zu Woyzecks Hinrichtung

 


 


Texte zum Thema „Verbrechen, Schuld und Strafe“

 

Cesare Beccaria, Über Verbrechen und Strafen

Aus der bloßen Betrachtung der bislang dargelegten Wahrheiten ergibt sich klar, dass der Zweck der Strafen nicht darin besteht, ein mit Empfindung begabtes Wesen zu quälen und zu kränken noch ein bereits begangenes Verbrechen ungeschehen zu machen. […] Der Zweck der Strafen kann somit kein anderer als der sein, den Schuldigen daran zu hindern, seinen Mitbürgern abermals Schaden zuzufügen, und die anderen davon abzuhalten, das gleiche zu tun. Diejenigen Strafen also und diejenigen Mittel ihres Vollzugs verdienen den Vorzug, die unter Wahrung des rechten Verhältnisses zum jeweiligen Verbrechen den wirksamsten und nachhaltigsten Eindruck in den Seelen der Menschen zurücklassen, für den Leib des Schuldigen hingegen so wenig qualvoll wie möglich sind.[1]

Dies ungefähr ist die Überlegung eines Räubers oder Mörders, für den es kein anderes Gegengewicht, das ihn von der Verletzung der Gesetze abhält, gibt als den Galgen oder das Rad […]: Was für Gesetze sind es, die ich achten soll, und die einen so großen Abstand zwischen mir und dem Reichen lassen? Er verweigert mir den Groschen, um den ich ihn angehe, und er rechtfertigt sich damit, daß er mir eine Arbeit befiehlt, deren Mühsal er nicht kennt. Wer hat diese Gesetze gemacht? Reiche und mächtige Menschen, die sich nie dazu herabließen, die dürftige Hütte des Armen zu besuchen, die nie ein verschimmeltes Brot unter dem unschuldigen Schreien der hungernden Kinder, unter den Tränen der Gattin verteilten. Laßt uns diese für die Mehrzahl verhängnisvollen und nur für wenige träge Tyrannen nützlichen Bande zerreißen, laßt uns die Ungerechtigkeit an ihrer Quelle angreifen. Ich werde in den Stand meiner natürlichen Unabhängigkeit zurückkehren, werde frei und glücklich für einige Zeit von dem Ertrag meines Mutes und meiner Findigkeit leben; vielleicht wird für mich der Tag des Schmerzes und der Reue kommen, aber er wird nicht lange währen, und ich habe mit einem Tag des Leidens viele Jahre der Freiheit und des Genusses erkauft. König einer kleinen Zahl, werde ich die Irrtümer des Glücks berichtigen, und ich werde die Gewalthaber erbleichen und zittern sehen in Gegenwart derer, die sie in beleidigendem Stolz geringer achteten als ihre Pferde und Hunde.[2]

Ihr wollt den Verbrechen vorbeugen? Dann sorget dafür, daß die Gesetze klar und einfach sind, die ganze Macht der Nation sich auf ihre Verteidigung konzentriert und kein Teil dieser Macht auf ihre Zerstörung verwendet wird. Sorget dafür, dass die Gesetze weniger die Klassen der Menschen begünstigen als die Menschen schlechthin. Sorget dafür, dass die Menschen die Gesetze, und sie allein, fürchten. Die Furcht vor dem Gesetz ist heilsam, doch verhängnisvoll und trächtig von Verbrechen ist die Furcht von Mensch zu Mensch. Geknechtete Menschen sind genusssüchtiger, ausschweifender, grausamer denn freie Menschen. […] Ihr wollt den Verbrechen vorbeugen? Dann sorget dafür, dass die Aufklärung mit der Freiheit Hand in Hand gehe. Die aus dem Wissen erwachsenen Übel stehen im umgekehrten Verhältnis zu seiner Verbreitung und das Gute in geradem Verhältnis zu ihr. Ein kühner Betrüger, der stets ein außergewöhnlicher Mensch ist, gewinnt die Hingabe eines unwissenden, dagegen den Spott eines aufgeklärten Volkes.[3]

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Gottfried August Bürger, Verhör einer Kindsmörderin (1781 – Auszug)

[…] Sie sei nicht lange draußen vor der Tür gewesen, als das Kind von ihr gegangen und auf die Erde gefallen, wobei dasselbe geschrieen habe. Im Niederfallen des Kindes sei auch die Nabelschnur losgerissen und das übrige habe sie noch bei sich im Leibe behalten. Weil sie sich nun vor ihrem Vater, welcher schlimm wäre, gefürchtet und nicht gewollt hätte, daß er etwas gewahr werden sollte, so habe sie das Kind gleich von der Erde aufgenommen, sei nach der Garte gesprungen und habe es ins Wasser geworfen. Arrestantin weinete und seufzte hierbei mit dem Hinzufügen, daß es für sie wohl besser sein würde, wenn dieses nicht geschehen wäre […]

G. A. Bürger, Des Pfarrers Tochter vom Taubenhain (Auszug)

Erst, als sie vollendet die blutige That,
Mußt’ ach! ihr Wahnsinn sich enden.
Kalt wehten Entsetzen und Grausen sie an.
O Jesu, mein Heiland, was hab' ich gethan?
Sie wand sich das Bast von den Händen.

Sie kratzte mit blutigen Nägeln ein Grab,
Am schilfigen Unkengestade.
„Da ruh du, mein Armes, da ruh nun in Gott,
Geborgen auf immer vor Elend und Spott!
Mich hacken die Raben vom Rade!“ –                                           (1781)

Friedrich Schiller, Die Kindesmörderin (Auszug)

Joseph! Joseph! auf entfernte Meilen
                  Jage dir der grimme Schatten nach,
Mög mit kalten Armen dich ereilen,
                  Donnre dich aus Wonneträumen wach,
Im Geflimmer sanfter Sterne zucke
                  Dir des Kindes grasser Sterbeblick,
Es begegne dir im blut'gen Schmucke,
                  Geißle dich vom Paradies zurück.

Seht! da lag's entseelt zu meinen Füßen –
                  Kalt hinstarrend, mit verworrnem Sinn
Sah ich seines Blutes Ströme fließen,
                  Und mein Leben floß mit ihm dahin; –
Schröcklich pocht schon des Gerichtes Bote,
                  Schröcklicher mein Herz!
Freudig eilt ich, in dem kalten Tode
                  Auszulöschen meinen Flammenschmerz.                    (1780/81)

J. H. Pestalozzi, Über Gesetzgebung und Kindermord (1780 – Auszug)

Und endlich, um über den Gegenstand von der Leber weg zu reden, was thut das Mädchen am End gegen den Staat, wenn es sein Kind mordet?
Ich sehe nichts anders, als es unterhaltet den unter den Umständen unsrer Zeit so auffallend unnatürlichen und gewaltsamen Zustand, in welchem es kein Kind gebähren darf, bis es verheurathet, es thut in Beziehung auf den Staat nichts anders, als daß es sucht, kinderlos zu bleiben, weil der Staat will, daß es kinderlos sey, und ihm drohet, weil es nicht kinderlos ist.[4]

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C. Beccaria, Über Verbrechen und Strafen (1766)

Wie sollte die, welche zwischen der Schande und dem Tode eines Wesens, das dessen Übel zu empfinden unfähig ist, zu wählen hat, nicht diesen dem unabwendbaren Elend vorziehen, dem sie und die glücklose Frucht ausgesetzt sein würden? Die beste Weise der Verhütung bestünde bei die­sem Verbrechen in einem wirksamen gesetzlichen Schutz der Schwäche vor der Tyrannei, welche die Laster übertreibt, die sich nicht mit dem Mantel der Tugend bedecken lassen. Ich beabsichtige nicht, den gerechten Abscheu zu verringern, den diese Verbrechen verdienen; aber indem ich auf ihre Quellen hinweise, glaube ich das Recht zu haben, einen ver­allgemeinernden Schluß daraus zu ziehen, nämlich daß die Strafe eines Verbrechens nicht im genauen Sinn gerecht (will sagen notwendig) heißen kann, ehe nicht das Gesetz das unter den gegebenen Verhältnissen einer Nation best­mögliche Mittel angewandt hat, um dem Verbrechen vor­zubeugen.[5]

 


Psychologie im 18. Jahrhundert


Auszug aus der Dissertation Schillers
(Versuch über den Zusammenhang der tierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen)

Alle Anstalten, die wir in der sittlichen und körperlichen Welt zur Vollkommenheit des Menschen gewahrnehmen, schei­nen sich zuletzt in den Elementarsatz zu vereinigen: Vollkommenheit des Menschen liegt in der Übung seiner Kräfte durch Betrachtung des Weltplans; und da zwischen dem Maße der Kraft und dem Zweck, auf den sie wirket, die genaueste Harmonie sein muß, so wird Vollkommenheit in der höchstmöglichsten Tätigkeit seiner Kräfte und ihrer wechselseitigen Unterordnung bestehen. Aber die Tätigkeit der menschlichen Seele ist – aus einer Notwendigkeit, die ich noch nicht erkenne, und auf eine Art, die ich noch nicht begreife – an die Tätigkeit der Materie gebunden. Die Veränderungen in der Körperwelt müssen durch eine eigene Klasse mittlerer organischer Kräfte, die Sinne, modifiziert und sozusagen verfeinert werden, ehe sie vermögend sind, in mir eine Vorstellung zu erwecken; so müssen wiederum andere organische Kräfte, die Maschinen der willkürlichen Bewegung, zwischen Seele und Welt treten, um die Veränderung der ersteren auf die letztere fortzupflanzen; so müssen endlich selbsten die Operationen des Denkens und Empfindens gewissen Bewegungen des innern Sensoriums korrespondieren. Alles dieses macht den Organismus der Seelenwirkungen aus.
Aber die Materie ist ein Raub des ewigen Wechsels und reibt sich selbst auf, so wie sie wirket, unter der Bewegung wird das Element aus seinen Fugen getrieben, verjagt und verloren. Weil nun im Gegenteil das einfache Wesen, die Seele, Dauer und Bestandheit in sich selber hat und in ihrem Wesen weder gewinnet noch verlieret, so kann die Materie nicht gleichen Schritt mit der Geistestätigkeit halten, und bald würde also der Organismus des geistigen Lebens, mit ihm alle Wirksamkeit der Seele dahinsein. Dies nun zu verhüten, mußte ein neues System organischer Kräfte zu dem ersten gleichsam angereihet werden, das seine Konsumtionen ersetzt und seinen sinkenden Flor durch eine stetig aneinanderhangende Kette neuer Schöpfungen erhält. Dies ist der Organismus der Ernährung.
Noch mehr. Nach einem kurzen Zeitraum von Wirkung, nach dem aufgehobenen Gleichgewicht zwischen Verlust und Erneurung tritt der Mensch von der Bühne des Lebens, und das Gesetz der Sterblichkeit entvölkert die Erde. Auch hat die Anzahl empfindender Wesen, die die ewige Liebe und Weisheit in ein glückliches Dasein wollte gerufen haben, nicht Raum genug, in den engen Grenzen dieser Welt zumal zu existieren, und das Leben dieser Generation schließt das Leben einer andern aus. Darum ward es notwendig, daß neue Menschen an die Stelle der weggeschiedenen alten treten und das Leben durch ununterbrochene Successionen erhalten würde. Aber geschaffen wird nichts mehr, und was nun Neues wird, wird es nur durch Entwicklung. Die Entwicklung des Menschen mußte durch Menschen geschehen, wenn sie mit der Konsumtion im Verhältnis stehen, wenn der Mensch zum Menschen gebildet werden sollte. Aus diesem Grund wurde ein neues System organischer Kräfte den zwei vorhergehenden zugeordnet, das die Belebung und Entwicklung des Menschenkeims zur Absicht hatte. Dies ist der Organismus der Zeugung. Diese drei Organismi, in den genauesten Lokal- und Realzusammenhang gebracht, bilden den menschlichen Körper.[6] (Schiller)

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C. G. Carus, Psyche. Zur Entwicklungsgeschichte der Seele (1846)

Zuvörderst muss man sich dabei notwendig in die Gedanken zurückrufen, wie merkwürdig jeder Strahl bewussten Lebens an eine gewisse, durch unbewusstes Schaffen der Idee vorgebildete Gestaltung unerlässlich geknüpft ist. Nur dadurch, dass jene eigentümliche zarteste Nervensubstanz des Hirns in primitiver Zellmasse und Primitivfasern sich entwickelt hat, ist eine wesentliche Bedingung alles Bewusstseins gegeben, und kein Gedanke, kein Gefühl, keine Willensregung kann im Geiste sich begeben, die nicht mit irgendwie feinen Umstimmungen in der Spannung dieser Substanzen verknüpft wäre. […]

Noch viel zarter jedoch und für alles, was wir wägbar und messbar nennen, gänzlich unerreichbar, hat man jene an und für sich unbewussten Vorgänge zu betrachten, in denen wir die leibliche Bedingung einer jeden geistigen Regung voraussetzen müssen. Auch ist hier auf diese früher hinreichend besprochenen Gegenstände nur insoweit zurückzugehen, als nötig ist, um deutlich zu machen, wie irgendeine Krankheit wenn sie gerade in einzelnen Provinzen jener elementaren Nervensubstanz besonders bleibende Umstimmungen gesetzt hat, sogleich auch auf gewisse Weise bleibende Umstimmungen in den geistigen Regungen herbeiführen müsse.  […] Nur von diesem Standpunkt aus wird man alsdann einigermaßen verstehen können, wie alle jene sonderbaren Zustände erzeugt werden, welche nicht selten auf merkwürdige Weise das Mittel halten zwischen irrigem Denken und zwischen den erwähnten Täuschungen der Sinnesorgane. Den letzteren […] nährt sich am meisten das, was als Halluzinationen bekannt ist: das Hören fremder Stimmen (gleichsam ein Ohrenklingen des Gehirns; figürlich könnte man auch allen Wahnsinn so nennen, das Schauen von Phantasmen usw.) [7]


G. Büchner, Über Schädelnerven, Probevorlesung,  Zürich 1836.

Hochgeachtete Zuhörer!

Es treten uns auf dem Gebiete der physiologischen und anatomischen Wissenschaften zwei sich gegenüberstehende Grundansichten entgegen, die sogar ein nationelles Gepräge tragen, indem die eine in England und Frankreich, die andere in Deutschland überwiegt. Die erste betrachtet alle Erscheinungen des organischen Lebens vom teleologischen Standpunkt aus; sie findet die Lösung des Rätsels in dem Zweck der Wirkung, in dem Nutzen der Verrichtung eines Organs. Sie kennt das Individuum nur als etwas, das einen Zweck außer sich erreichen soll, und nur in seiner Bestrebung, sich der Außenwelt gegenüber teils als Individuum, teils als Art zu behaupten. Jeder Organismus ist für sie eine verwickelte Maschine, mit den künstlichen Mitteln versehen, sich bis auf einen gewissen Punkt zu erhalten. Das Enthüllen der schönsten und reinsten Formen im Menschen, die Vollkommenheit der edelsten Organe, in denen die Psyche fast den Stoff zu durchbrechen und sich hinter den leichtesten Schleiern zu bewegen scheint, ist für sie nur das Maximum einer solchen Maschine. Sie macht den Schädel zu einem künstlichen Gewölbe mit Strebepfeilern, bestimmt, seinen Bewohner, das Gehirn, zu schützen, – Wangen und Lippen zu einem Kau- und Respirationsapparat, – das Auge zu einem komplizierten Glase, – die Augenlider und Wimpern zu dessen Vorhängen – ja die Träne ist nur der Wassertropfen, welcher es feucht erhält. […]

Die teleologische Methode bewegt sich in einem ewigen Zirkel, indem sie die Wirkungen der Organe als Zwecke voraussetzt. Sie sagt zum Beispiel: soll das Auge seine Funktion versehen, so muß die Hornhaut feucht erhalten werden, und somit ist eine Tränendrüse nötig. Diese ist also vorhanden, damit das Auge feucht erhalten werde, und somit ist das Auftreten dieses Organs erklärt; es gibt nichts weiter zu fragen, – die entgegengesetzte Ansicht sagt dagegen: die Tränendrüse ist nicht da, damit das Auge feucht werde, sondern das Auge wird feucht, weil eine Tränendrüse da ist, oder, um ein anderes Beispiel zu geben, wir haben nicht Hände, damit wir greifen können, sondern wir greifen, weil wir Hände haben. […]

Die Natur handelt nicht nach Zwecken, sie reiht sich nicht in einer unendlichen Reihe von Zwecken auf, von denen der eine den anderen bedingt; sondern sie ist in allen ihren Außerungen sich unmittelbar selbst genug. Alles, was ist, ist um seiner selbst willen da. Das Gesetz dieses Seins zu suchen, ist das Ziel der der teleologischen gegenüberstehenden Ansicht, die ich die philosophische nennen will. Alles, was für jene Zwecke ist, wird für diese Wirkung. Wo die teleologische Schule mit ihrer Antwort fertig ist, fängt die Frage für die philosophische an. Diese Frage, die uns auf allen Punkten anredet, kann ihre Antwort nur in einem Grundgesetze für die gesamte Organisation finden, und so wird für die philosophische Methode das ganze körperliche Dasein des Individuums nicht zu seiner eigenen Erhaltung aufgebracht, sondern es wird die Manifestation eines Urgesetzes, eines Gesetzes der Schönheit, das nach den einfachsten Rissen und Linien die höchsten und reinsten Formen hervorbringt. Alles, Form und Stoff, ist für sie an dies Gesetz gebunden. Alle Funktionen sind Wirkungen desselben; sie werden durch keine äußeren Zwecke bestimmt, und ihr sogenanntes zweckmäßiges Aufeinander- und Zusammenwirken ist nichts weiter, als die notwendige Harmonie in den Äußerungen eines und desselben Gesetzes, dessen Wirkungen sich natürlich nicht gegenseitig zerstören.

Die Frage nach einem solchen Gesetze führte von selbst zu den zwei Quellen der Erkenntnis, aus denen der Enthusiasmus des absoluten Wissens sich von je berauscht hat, der Anschauung des Mystikers und dem Dogmatismus der Vernunftphilosophen. Daß es bis jetzt gelungen sei, zwischen letzterem und dem Naturleben, das wir unmittelbar wahrnehmen, eine Brücke zu schlagen, muß die Kritik verneinen. Die Philosophie a priori sitzt noch in einer trostlosen Wüste; sie hat einen weiten Weg zwischen sich und dem frischen grünen Leben, und es ist eine große Frage, ob sie ihn je zurücklegen wird. Bei den geistreichen Versuchen, die sie gemacht hat, weiter zu kommen, muß sie sich mit der Resignation begnügen, bei dem Streben handle es sich nicht um die Erreichung des Ziels, sondern um das Streben selbst.[8]


Ausgewählte Briefe Büchners

An die Familie, 5.4.1833

[…] Was nennt Ihr denn gesetzlichen Zustand? Ein Gesetz, das die große Masse der Staatsbürger zum fronenden Vieh macht, um die unnatürlichen Bedürfnisse einer unbedeutenden und verdorbenen Minderzahl zu befriedigen? Und dies Gesetz, unterstützt durch eine rohe Militätgewalt und durch die dumme Pfiffigkeit seiner Agenten, dies Gesetz ist eine ewige, rohe Gewalt, angetan dem Recht und der gesunden Vernunft, und ich werde mit Mund und Hand dagegen kämpfen, wo ich kann. In Ordnung leben heißt hungern und geschunden werden. [...] Diese Gerechtigkeit ist nur ein Mittel, euch in Ordnung zu halten, damit man euch bequemer schinde.

Aus: Georg Büchner, Werke und Briefe, nach der historisch-krit. Werkausgabe von Werner  R. Lehmann, Hanser Verlag, München, Wien, 1980, S. 248

An die Familie, Straßburg, Juni 1833

Ich werde zwar immer meinen Grundsätzen gemäß handeln, habe aber in neuerer Zeit gelernt, daß nur das notwendige Bedürfnis der großen Masse Umänderungen herbeiführen kann, daß alles Bewegen und Schreien der einzelnen vergebliches Torenwerk ist. Sie schreiben - man liest sie nicht; sie schreien - man hört sie nicht; sie handeln - man hilft ihnen nicht... Ihr könnt voraussehen, daß ich mich in die Gießener Winkelpolitik und revolutionären Kinderstreiche nicht einlassen werde.

a.a.o., S. 250

An August Stöber, Darmstadt, 9.12.1833

Ich werfe mich mit aller Gewalt in die Philosophie. Die Kunstsprache ist abscheulich, ich meine, für menschliche Dinge müßte man auch menschliche Ausdrücke finden; doch das stört mich nicht. Ich lache über meine Narrheit und meine, es gebe im Grunde genommen doch nichts als taube Nüsse zu knacken.[...] Die politischen Verhältnisse könnten mich rasend machen. Das arme Volk schleppt geduldig den Karren, worauf die Fürsten und Liberalen ihre Affenkomödie spielen. Ich bete jeden Abend zum Hanf und den Laternen.

a.a.o., S. 252 f


An die Familie, Gießen, im Februar 1834.

Ich verachte niemanden, am wenigsten wegen seines Verstandes oder seiner Bildung, weil es in niemands Gewalt liegt, kein Dummkopf oder kein Verbrecher zu werden - weil wir durch gleiche Umstände wohl alle gleich würden und weil die Umstände außer uns liegen. Der Verstand nun gar ist nur eine sehr geringe Seite unsers geistigen Wesens und die Bildung nur eine sehr zufällige Form desselben. Wer mir eine solche Verachtung vorwirft, behauptet, daß ich einen Menschen mit Füßen träte, weil er einen schlechten Rock anhätte.  Man nennt mich einen Spötter. Es ist wahr, ich lache oft; aber ich lache nicht darüber, wie jemand ein Mensch, sondern nur darüber, daß er ein Mensch ist; wofür er ohnehin nichts kann, und lache dabei über mich selbst, der ich sein Schicksal teile.  Die Leute nennen das Spott, sie vertragen es nicht, daß man sich als Narr produziert und sie duzt; sie sind Verächter Spötter und Hochmütige, weil sie die Narrheit nur außer sich suchen. Ich habe freilich noch eine Art von Spott, es ist aber nicht der der Verachtung, sondern der des Hasses. Der Haß ist so gut erlaubt als die Liebe, und ich hege ihn im vollsten Maße gegen die, welche verachten. Es ist deren eine große Zahl, die, im Besitz einer lächerlichen Äußerlichkeit, die man Bildung oder eines toten Krams, den man Gelehrsamkeit  heißt, die große Masse ihrer Brüder ihrem verachtenden Egoismus opfern. Der Aristokratismus ist die schändlichste Verachtung des Heiligen Geistes im Menschen; gegen ihn kehre ich seine eigenen Waffen: Hochmut gegen Hochmut, Spott gegen Spott. 

a.a.o., S. 253 f.

 

An die Braut [Gießen, nach dem 10. März 1834.]

[…] Schon seit einigen Tagen nehme ich jeden Augenblick die Feder in die Hand, aber es war mir unmöglich, nur ein Wort zu schreiben. Ich studierte die Geschichte der Revolution. Ich fühlte mich wie zernichtet unter dem gräßlichen Fatalismus der Geschichte. Ich finde in der Men­schennatur eine entsetzliche Gleichheit, in den menschlichen Ver­hältnissen eine unabwendbare Gewalt, Allen und Keinem verlie­hen. Der Einzelne nur Schaum auf der Welle, die Größe ein bloßer Zufall, die Herrschaft des Genies ein Puppenspiel, ein lächerliches Ringen gegen ein ehernes Gesetz, es zu erkennen das Höchste, es zu beherrschen unmöglich. Es fällt mir nicht mehr ein, vor den Paradegäulen und Eckstehern der Geschichte mich zu bücken. Ich gewöhnte mein Auge ans Blut. Aber ich bin kein Guillotinenmes­ser. Das muß ist eins von den Verdammungsworten, womit der Mensch getauft worden. Der Ausspruch: es muß ja Ärgernis kom­men, aber wehe dem, durch den es kommt, - ist schauderhaft. Was ist das, was in uns lügt, mordet, stiehlt? Ich mag dem Gedanken nicht weiter nachgehen. Könnte ich aber dies kalte und gemarterte Herz an deine Brust legen! B. wird dich über mein Befinden beru­higt haben, ich schrieb ihm. Ich verwünsche meine Gesundheit. Ich glühte, das Fieber bedeckte mich mit Küssen und umschlang mich wie der Arm der Geliebten. Die Finsternis wogte über mir, mein Herz schwoll in unendlicher Sehnsucht, es drangen Sterne durch das Dunkel, und Hände und Lippen bückten sich nieder. Und jetzt? Und sonst? Ich habe nicht einmal die Wollust des Schmerzes und des Sehnens. Seit ich über die Rheinbrücke ging, bin ich wie in mir vernichtet, ein einzelnes Gefühl taucht nicht in mir auf. Ich bin ein Automat; die Seele ist mir genommen. […] – Du frägst mich: sehnst du dich nach mir? Nennst du's Sehnen, wenn man nur in einem Punkt leben kann und wenn man davon gerissen ist, und dann nur noch das Gefühl seines Elendes hat? Gib mir doch Antwort. Sind meine Lippen so kalt?

a.a.o., S. 256 f

An die Familie, Straßburg, 1.1.1836

Ich komme vom Christkindelsmarkt: überall Haufen zerlumpter, frierender Kinder, die mit aufgerissenen Augen und traurigen Gesichtern vor den Herrlichkeiten aus Wasser und Mehl, Dreck und Goldpapier standen. Der Gedanke, daß für die meisten Menschen auch die armseligsten Genüsse und Freuden unerreichbare Kostbarkeiten sind, machte mich sehr bitter.

a.a.o., S. 279

An die Familie, Zürich, 20.11.1836

Was das politische Treiben anlangt, so könnt Ihr ganz ruhig sein, laßt Euch nur nicht durch die Ammenmärchen in unseren Zeitungen stören. Die Schweiz ist eine Republik, und weil die Leute sich gewöhnlich nicht anders zu helfen wissen, als daß sie sagen, jede Republik sei unmöglich, so erzählen sie den guten Deutschen jeden Tag von Anarchie, Mord und Totschlag. Ihr werdet überrascht sein, wenn Ihr mich besucht; schon unterwegs überall freundliche Dörfer mit schönen Häusern, und dann, je mehr Ihr Euch Zürich nähert und gar am See hin, ein durchgreifender Wohlstand; Dörfer und Städtchen haben ein Aussehen, wovon man bei uns keinen Begriff hat. Die Straßen laufen hier nicht voll Soldaten, Akzessisten und faulen Staatsdienern, man riskiert nicht, von einer adligen Kutsche überfahren zu werden; dafür überall ein gesundes, kräftiges Volk und um wenig Geld eine einfache, gute,  republikanische Regierung, die sich durch eine Vermögenssteuer erhält, eine Art Steuer, die man bei uns überall als den Gipfel der Anarchie ausschreien würde.
Minnigerode ist tot, wie man mir schreibt, das heißt, er ist drei Jahre lang totgequält worden. Drei Jahre! Die französischen Blutmänner brachten einen doch in ein paar Stunden um, das Unheil und dann die Guillotine. Aber drei Jahre! Wir haben eine gar menschliche Regierung, sie kann kein Blut sehen. Und so sitzen noch an vierzig Menschen, und das ist keine Anarchie, das ist Ordnung und Recht, und die Herren fühlen sich empört, wenn sie an die anarchische Schweiz denken! Bei Gott, die Leute nehmen ein großes Kapital auf, das ihnen einmal mit schweren Zinsen kann abgetragen werden, mit sehr schweren.

a.a.o., S. 289

 

An Gutzkow, Straßburg [1836]

Lieber Freund!

War ich lange genug stumm? Was soll ich Ihnen sagen? Ich saß auch im Gefängnis und im langweiligsten unter der Sonne, ich habe eine Abhandlung geschrieben in die Länge, Breite und Tiefe. Tag und Nacht über der ekelhaften Geschichte, ich begreife nicht, wo ich die Geduld hergenommen. Ich habe nämlich die fixe Idee, im nächsten Semester zu Zürich einen Kurs über die Entwickelung der deutschen Philosophie seit Cartesius zu lesen; dazu muß ich mein Diplom haben und die Leute scheinen gar nicht geneigt, meinem lieben Sohn Danton den Doktorhut aufzusetzen.
Was war da zu machen?
Sie sind in Frankfurt und unangefochten?
Es ist mir leid und doch wieder lieb, daß Sie noch nicht im Rebstöckel angeklopft haben. über den Stand der modernen Literatur in Deutschland weiß ich so gut als nichts; nur einige versprengte Broschüren, die ich weiß nicht wie, über den Rhein gekommen, fielen mir in die Hände. […] Übrigens, um aufrichtig zu sein, Sie und Ihre Freunde scheinen mir nicht gerade den klügsten Weg gegangen zu sein. Die Gesellschaft mittelst der Idee, von der gebildeten Klasse aus reformieren? Unmöglich! Unsere Zeit ist rein materiell, wären Sie je direkter politisch zu Werk gegangen, so wären Sie bald auf den Punkt gekommen, wo die Reform von selbst aufgehört hätte. Sie werden nie über den Riß zwischen der gebildeten und ungebildeten Gesellschaft hinauskommen.
Ich habe mich überzeugt, die gebildete und wohlhabende Minorität, so viel Konzessionen sie auch von der Gewalt für sich begehrt, wird nie ihr spitzes Verhältnis zur großen Klasse aufgeben wollen. Und die große Klasse selbst? Für die gibt es nur zwei Hebel, materielles Elend und religiöser Fanatismus. jede Partei, welche diese Hebel anzusetzen versteht, wird siegen. Unsre Zeit braucht Eisen und Brot – und dann ein Kreuz oder sonst so was. Ich glaube, man muß in sozialen Dingen von einem absoluten Rechtsgrundsatz ausgehen, die Bildung eines neuen geistigen Lebens im Volk suchen und die abgelebte moderne Gesellschaft zum Teufel gehen lassen. Zu was soll ein Ding, wie diese, zwischen Himmel und Erde herumlaufen? Das ganze Leben derselben besteht nur in Versuchen, sich die entsetzlichste Langeweile zu vertreiben. Sie mag aussterben, das ist das einzig Neue, was sie noch erleben kann. [ ... ]

a.a.o., S. 282

 



Märchen

 

Brüder Grimm, Die sieben Raben

 

Ein Mann hatte sieben Söhne und immer noch kein Töchterchen, so sehr er sich’s auch wünschte; endlich gab ihm seine Frau wieder gute Hoffnung zu einem Kinde, und wies zur Welt kam, war es auch ein Mädchen. Die Freude war groß, aber das Kind war schmächtig und klein, und sollte wegen seiner Schwachheit die Nottaufe haben. Der Vater schickte einen der Knaben eilends zur Quelle, Taufwasser zu holen: die andern sechs liefen mit, und weil jeder der erste beim Schöpfen sein wollte, so fiel ihnen der Krug in den Brunnen. Da standen sie und wußten nicht, was sie tun sollten, und keiner getraute sich heim. Als sie immer nicht zurückkamen, ward der Vater ungeduldig und sprach »gewiß haben sie’s wieder über ein Spiel vergessen, die gottlosen Jungen.« Es ward ihm angst, das Mädchen müßte ungetauft verscheiden, und im Ärger rief er »ich wollte, daß die Jungen alle zu Raben würden.« Kaum war das Wort ausgeredet, so hörte er ein Geschwirr über seinem Haupt in der Luft, blickte in die Höhe und sah sieben kohlschwarze Raben auf- und davonfliegen.

    Die Eltern konnten die Verwünschung nicht mehr zurücknehmen, und so traurig sie über den Verlust ihrer sieben Söhne waren, trösteten sie sich doch einigermaßen durch ihr liebes Töchterchen, das bald zu Kräften kam, und mit jedem Tage schöner ward. Es wußte lange Zeit nicht einmal, daß es Geschwister gehabt hatte, denn die Eltern hüteten sich, ihrer zu erwähnen, bis es eines Tags von ungefähr die Leute von sich sprechen hörte, das Mädchen wäre wohl schön, aber doch eigentlich schuld an dem Unglück seiner sieben Brüder. Da ward es ganz betrübt, ging zu Vater und Mutter und fragte, ob es denn Brüder gehabt hätte, und wo sie hingeraten wären. Nun durften die Eltern das Geheimnis nicht länger verschweigen, sagten jedoch, es sei so des Himmels Verhängnis und seine Geburt nur der unschuldige Anlaß gewesen. Allein das Mädchen machte sich täglich ein Gewissen daraus und glaubte, es müßte seine Geschwister wieder erlösen. Es hatte nicht Ruhe und Rast, bis es sich heimlich aufmachte und in die weite Welt ging, seine Brüder irgendwo aufzuspüren und zu befreien, es möchte kosten, was es wollte. Es nahm nichts mit sich als ein Ringlein von seinen Eltern zum Andenken, einen Laib Brot für den Hunger, ein Krüglein Wasser für den Durst und ein Stühlchen für die Müdigkeit.

    Nun ging es immerzu, weit weit, bis an der Welt Ende. Da kam es zur Sonne, aber die war zu heiß und fürchterlich, und fraß die kleinen Kinder. Eilig lief es weg und lief hin zu dem Mond, aber der war gar zu kalt und auch grausig und bös, und als er das Kind merkte, sprach er »ich rieche rieche Menschenfleisch.« Da machte es sich geschwind fort und kam zu den Sternen, die waren ihm freundlich und gut, und jeder saß auf seinem besondern Stühlchen. Der Morgenstern aber stand auf, gab ihm ein Hinkelbeinchen und sprach »wenn du das Beinchen nicht hast, kannst du den Glasberg nicht aufschließen, und in dem Glasberg, da sind deine Brüder.«

    Das Mädchen nahm das Beinchen, wickelte es wohl in ein Tüchlein, und ging wieder fort, so lange, bis es an den Glasberg kam. Das Tor war verschlossen und es wollte das Beinchen hervorholen, aber wie es das Tüchlein aufmachte, so war es leer, und es hatte das Geschenk der guten Sterne verloren. Was sollte es nun anfangen? seine Brüder wollte es erretten und hatte keinen Schlüssel zum Glasberg. Das gute Schwesterchen nahm ein Messer, schnitt sich ein kleines Fingerchen ab, steckte es in das Tor und schloß glücklich auf. Als es eingegangen war, kam ihm ein Zwerglein entgegen, das sprach »mein Kind, was suchst du?« »Ich suche meine Brüder, die sieben Raben,« antwortete es. Der Zwerg sprach »die Herren Raben sind nicht zu Haus, aber willst du hier so lang warten, bis sie kommen, so tritt ein.« Darauf trug das Zwerglein die Speise der Raben herein auf sieben Tellerchen und in sieben Becherchen, und von jedem Tellerchen aß das Schwesterchen ein Bröckchen, und aus jedem Becherchen trank es ein Schlückchen; in das letzte Becherchen aber ließ es das Ringlein fallen, das es mitgenommen hatte.

    Auf einmal hörte es in der Luft ein Geschwirr und ein Geweh, da sprach das Zwerglein »jetzt kommen die Herren Raben heim geflogen.« Da kamen sie, wollten essen und trinken, und suchten ihre Tellerchen und Becherchen. Da sprach einer nach dem andern »wer hat von meinem Tellerchen gegessen? wer hat aus meinem Becherchen getrunken? das ist eines Menschen Mund gewesen.« Und wie der siebente auf den Grund des Bechers kam, rollte ihm das Ringlein entgegen. Da sah er es an und erkannte, daß es ein Ring von Vater und Mutter war, und sprach »Gott gebe, unser Schwesterlein wäre da, so wären wir erlöst.« Wie das Mädchen, das hinter der Türe stand und lauschte, den Wunsch hörte, so trat es hervor, und da bekamen alle die Raben ihre menschliche Gestalt wieder. Und sie herzten und küßten einander, und zogen fröhlich heim.

 

[Grimm: Kinder- und Hausmärchen. DB Sonderband: Die digitale Bibliothek der deutschen Märchen und Sagen, S. 22095

(vgl. Grimm-Märchen, S. 172 ff.)]

 


 

Brüder Grimm, Die Sterntaler

 

Es war einmal ein kleines Mädchen, dem war Vater und Mutter gestorben, und es war so arm, daß es kein Kämmerchen mehr hatte, darin zu wohnen, und kein Bettchen mehr, darin zu schlafen, und endlich gar nichts mehr als die Kleider auf dem Leib und ein Stückchen Brot in der Hand, das ihm ein mitleidiges Herz geschenkt hatte. Es war aber gut und fromm. Und weil es so von aller Welt verlassen war, ging es im Vertrauen auf den lieben Gott hinaus ins Feld. Da begegnete ihm ein armer Mann, der sprach »ach, gib mir etwas zu essen, ich bin so hungerig.« Es reichte ihm das ganze Stückchen Brot und sagte »Gott segne dirs,« und ging weiter. Da kam ein Kind, das jammerte und sprach »es friert mich so an meinem Kopfe, schenk mir etwas, womit ich ihn bedecken kann.« Da tat es seine Mütze ab und gab sie ihm. Und als es noch eine Weile gegangen war, kam wieder ein Kind und hatte kein Leibchen und fror: da gab es ihm seins; und noch weiter, da bat eins um ein Röcklein, das gab es auch von sich hin. Endlich gelangte es in einen Wald, und es war schon dunkel geworden, da kam noch eins und bat um ein Hemdlein, und das fromme Mädchen dachte »es ist dunkle Nacht, da sieht dich niemand, du kannst wohl dein Hemd weggeben,« und zog das Hemd ab und gab es auch noch hin. Und wie es so stand und gar nichts mehr hatte, fielen auf einmal die Sterne vom Himmel, und waren lauter harte blanke Taler: und ob es gleich sein Hemdlein weggegeben, so hatte es ein neues an, und das war vom allerfeinsten Linnen. Da sammelte es sich die Taler hinein und war reich für sein Lebtag.

 

[Grimm: Kinder- und Hausmärchen. DB Sonderband: Die digitale Bibliothek der deutschen Märchen und Sagen, S. 22880

(vgl. Grimm-Märchen, S. 666 ff.)]

 


 

Szenenübersicht:


Handlungsszenen:

·       Freies Feld, die Stadt in der Ferne

·       Die Stadt

·       Buden. Lichter. Volk

·       Das Innere der Bude

·       Mariens Kammer (Marie und Kind, dann Woyzeck)

·       Mariens Kammer (Marie, Tambourmajor)

·       Straße

·       Mariens Kammer (Marie, Woyzeck)

·       Die Wachtstube

·       Wirtshaus

·       Freies Feld

·       Straße (Märchen der Großmutter)

·       Waldsaum am Teich

·       Wirtshaus

·       Am Teich

·       [Kinder, Gerichtsdiener, Arzt, Richter]


Ausbauszenen:

·       Ein Zimmer in der Kaserne

·       Kasernenhof (Andres, Woyzeck)

·       Kramladen

·       Wirtshaus (Tambourmajor, Woyzeck, Leute)

·       Mariens Kammer (Marie und Narr)

·       Kaserne (Andres, Woyzeck)

·       Mariens Kammer (Marie, Woyzeck und Narr)

 

Erweiterungsszenen:

·       Beim Hauptmann

·       Beim Doktor

·       Der Hof des Doktors

 

 

 


 


Gesetzliche Bestimmungen aus dem deutschen Strafgesetzbuch
in der Fassung von 1998

Strafgesetzbuch (StGB) » Allgemeiner Teil » Zweiter Abschnitt. Die Tat » Erster Titel. Grundlagen der Strafbarkeit
§ 17.
Fehlt dem Täter bei Begehung der Tat die Einsicht, Unrecht zu tun, so handelt er ohne Schuld, wenn er diesen Irrtum nicht vermeiden konnte. Konnte der Täter den Irrtum vermeiden, so kann die Strafe nach § 49 Abs. 1 gemildert werden.

Strafgesetzbuch (StGB) » Allgemeiner Teil » Zweiter Abschnitt. Die Tat » Erster Titel. Grundlagen der Strafbarkeit
§ 20.
Ohne Schuld handelt, wer bei Begehung der Tat wegen einer krankhaften seelischen Störung, wegen einer tiefgreifenden Bewußtseinsstörung oder wegen Schwachsinns oder einer schweren anderen seelischen Abartigkeit unfähig ist, das Unrecht der Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln.

Strafgesetzbuch (StGB) » Allgemeiner Teil » Zweiter Abschnitt. Die Tat » Erster Titel. Grundlagen der Strafbarkeit
§ 21.
Ist die Fähigkeit des Täters, das Unrecht der Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln, aus einem der in § 20 bezeichneten Gründe bei Begehung der Tat erheblich vermindert, so kann die Strafe nach § 49 Abs. 1 gemildert werden.

Strafgesetzbuch (StGB) » Allgemeiner Teil » Zweiter Abschnitt. Die Tat » Zweiter Titel. Versuch
§ 22.
Eine Straftat versucht, wer nach seiner Vorstellung von der Tat zur Verwirklichung des Tatbestandes unmittelbar ansetzt.

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§ 211 StGB Mord

(1) Der Mörder wird mit lebenslanger Freiheitsstrafe bestraft.
(2) Mörder ist, wer aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder sonst aus niedrigen Beweggründen, heimtückisch oder grausam oder mit gemeingefährlichen Mitteln oder um eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken, einen Menschen tötet.

§ 212 StGB Totschlag

(1) Wer einen Menschen tötet, ohne Mörder zu sein, wird als Totschläger mit Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren bestraft.
(2) In besonders schweren Fällen ist auf lebenslange Freiheitsstrafe zu erkennen.

§ 213 StGB Minder schwerer Fall des Totschlags

War der Totschläger ohne eigene Schuld durch eine ihm oder einem Angehörigen zugefügte Mißhandlung oder schwere Beleidigung von dem getöteten Menschen zum Zorn gereizt und hierdurch auf der Stelle zur Tat hingerissen worden oder liegt sonst ein minder schwerer Fall vor, so ist die Strafe Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu zehn Jahren.



[1] Beccaria, C.: Über Verbrechen und Strafen. Nach der Ausgabe von 1766. Frft/ M. 1966 (= Sammlung insel 22), S.74 (Zweck der Strafen)

[2] ebda, S.114 f (Über die Todesstrafe)

[3] ebda, S.148 ff (Wie man den Verbrechen vorbeugt)

[4] alle Texte aus: Lindenhahn, R.: Arbeitsheft zur Literaturgeschichte, Sturm und Drang. Cornelsen-Verlag, Berlin 2002

[5] Beccaria, C.: a.a.o., S.128 f („Schwer erweisliche Verbrechen“)

[6] aus: F.S. Friedrich Schiller, Versuch über den Zusammenhang der tierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen (Auszug); PHYSISCHER ZUSAMMENHANG. Tierische Natur befestiget die Tätigkeit des Geists – Organismus der Seelenwirkungen – der Ernährung – der Zeugung. In: Gesammelte Werke in fünf Bänden, hrsg. v. R. Netolitzky, Mohn Verlag, 1959, 5. Band: Schriften zur Kunst und Philosophie, S. 34 f.

[7] Carus, C. G.: Psyche. Zur Entwicklungsgeschichte der Seele. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 1941, S. 445f.

[8] aus: G.B.: Werke und Briefe, nach der historisch-kritischen Ausgabe von Werner R. Lehmann. C. Hanser Verlag, München, Wien 1980, S. 235 f

 


 

Augenzeugenbericht der Hinrichtung Johann Christian Woyzecks

»Freitag, den 27. August (1824). Heiter und sehr warm. Hinrichtung des Delinquenten Woyzeck. Das Schaffott war mitten auf dem Markt gebaut. 54 Kürassiere von Borna hielten Ordnung um das Schafott; das Halsgericht wurde auf dem Rathause gehalten. Kurz vor halb 11 Uhr war der Stab gebrochen, dann kam gleich der Delinquent aus dem Rathause, Goldhorn und Hänsel gingen zur Seite und die Ratsdiener in Harnisch, Sturmhaube und Piken voran, rechts und links; die Geistlichen blieben unten am Schaffott; der Delinquent ging mit viel Ruhe allein auf das Schaffott, kniete nieder und betete laut mit viel Umstand, band sich das Halstuch selbst ab, setzte sich auf den Stuhl und rückte ihn zurecht, und schnell mit großer Geschicklichkeit hieb ihm der Scharfrichter den Kopf ab, sodaß er noch auf dem breiten Schwerte saß, bis der Scharfrichter das Schwert wendete und er herabfiel. Das Blut strömte nicht hoch empor; sogleich öffnete sich eine Falltür, wo der Körper, der noch ohne eine Bewegung gemacht zu haben auf dem Stuhl saß, hinabgestürzt wurde; sogleich war er unten in einen Sarg gelegt und mit Wache auf die Anatomie getragen. Alsbald wurde auch schnell das Schaffott abgebrochen, und als dies geschehen war, ritten die Kürassiere fort. Die Gewölbe, die vorher alle geschlossen waren, wurden geöffnet und alles ging an seine Arbeit. Daß Vormittags keine Schule war, versteht sich.«

Aus: Die Leipziger Schlacht. Tagebuchaufzeichnungen. Dem Leipziger Bibliophilen-Abend zum Jahresessen 1924 überreicht von Erich Seemann und Max Christian Wegner.  Hier aus: G.B., Woyzeck, Nach den Handschriften neu hergestellt von Henri Poschmann. Mit Bildern von Alfred Hrdlicka. Beck-Verlag, München, o.J., S. 205