Epochenumbruch um 1800
Ästhetische Positionen im unterrichtspraktischen Vergleich


Teil M: Materialien zum Referat

  1. Lessing: Der Besitzer des Bogens
  2. Goethe: Von deutscher Baukunst
  3. Arbeitsblatt zu Goethe: Von deutscher Baukunst
  4. F.L. Stolberg, Gedicht zum Thema „Natur und Kunst"
  5. J.W.Goethe, Natur und Kunst
  6. J.W. Goethe, Wandrers Nachtlied
  7. J. von Eichendorff, Wünschelrute
  8. Übersicht über die im Referat angesprochenen Kunstwerke

M 1

G. E. Lessing, Der Besitzer des Bogens

Ein Mann hatte einen trefflichen Bogen von Ebenholz, mit dem er sehr weit und sehr sicher schoss und den er ungemein wert hielt. Einst aber, als er ihn aufmerksam betrachtete, sprach er: Ein wenig zu plump bist du doch! Alle deine Zierde ist die Glätte. Schade! – Doch dem ist abzuhelfen; fiel ihm ein. Ich will hingehen und den besten Künstler Bilder in den Bogen schnitzen lassen. – Er ging hin; und der Künstler schnitzte eine ganze Jagd auf den Bogen; und was hätte sich besser auf einen Bogen geschickt als eine Jagd?
Der Mann war voller Freuden. „Du verdienest diese Zieraten, mein lieber Bogen!" – Indem will er ihn versuchen; er spannt, und der Bogen – zerbricht.



M 2

Goethe, Von deutscher Baukunst (Auszüge)

Als ich das erstemal nach dem Münster ging, hatt' ich den Kopf voll allgemeiner Erkenntnis guten Geschmacks. Auf Hörensagen ehrt' ich die Harmonie der Massen, die Reinheit der Formen, war ein abgesagter Feind der verworrnen Willkürlichkeiten gotischer Verzierungen. Unter die Rubrik Gotisch, gleich dem Artikel eines Wörterbuchs, häufte ich alle synonymische Mißverständnisse, die mir von Unbestimmtem, Ungeordnetem, Unnatürlichem, Zusammengestoppeltem, Aufgeflicktem, Überladenem jemals durch den Kopf gezogen waren. Nicht gescheiter als ein Volk, das die ganze fremde Welt barbarisch nennt, hieß alles Gotisch, was nicht in mein System paßte, von dem gedrechselten bunten Puppen- und Bilderwerk an, womit unsre bürgerliche Edelleute ihre Häuser schmücken, bis zu den ernsten Resten der älteren deutschen Baukunst, über die ich, auf Anlaß einiger abenteuerlichen Schnörkel, in den allgemeinen Gesang stimmte: „Ganz von Zierat erdrückt!", und so graute mir's im Gehen vorm Anblick eines mißgeformten krausborstigen Ungeheuers.
Mit welcher unerwarteten Empfindung überraschte mich der Anblick, als ich davor trat! Ein ganzer, großer Eindruck füllte meine Seele, den, weil er aus tausend harmonierenden Einzelnheiten bestand, ich wohl schmecken und genießen, keineswegs aber erkennen und erklären konnte. Sie sagen, daß es also mit den Freuden des Himmels sei, und wie oft bin ich zurückgekehrt, diese himmlisch-irdische Freude zu genießen, den Riesengeist unsrer älteren Brüder in ihren Werken zu umfassen. Wie oft bin ich zurückgekehrt, von allen Seiten, aus allen Entfernungen, in jedem Lichte des Tags zu schauen seine Würde und Herrlichkeit! Schwer ist's dem Menschengeist, wenn seines Bruders Werk so hoch erhaben ist, daß er nur beugen und anbeten muß. Wie oft hat die Abenddämmerung mein durch forschendes Schauen ermattetes Aug' mit freundlicher Ruhe geletzt, wenn durch sie die unzähligen Teile zu ganzen Massen schmolzen, und nun diese, einfach und groß, vor meiner Seele standen und meine Kraft sich wonnevoll entfaltete, zugleich zu genießen und zu erkennen! Da offenbarte sich mir, in leisen Ahndungen, der Genius des großen Werkmeisters. Was staunst du? lispelt' er mir entgegen. Alle diese Massen waren notwendig, und siehst du sie nicht an allen älteren Kirchen meiner Stadt? Nur ihre willkürliche Größen hab' ich zum stimmenden Verhältnis erhoben. Wie über dem Haupteingang, der zwei kleinere zun Seiten beherrscht, sich der weite Kreis des Fensters öffnet, der dem Schiffe der Kirche antwortet und sonst nur Tageloch war, wie hoch drüber der Glockenplatz die kleineren Fenster forderte! das all war notwendig, und ich bildete es schön. Aber ach, wenn ich durch die düstern, erhabnen Öffnungen hier zur Seite schwebe, die leer und vergebens da zu stehn scheinen. In ihre kühne schlanke Gestalt hab' ich die geheimnisvollen Kräfte verborgen, die jene beiden Türme hoch in die Luft heben sollten, deren, ach, nur einer traurig da steht, ohne den fünfgetürmten Hauptschmuck, den ich ihm bestimmte, daß ihm und seinem königlichen Bruder die Provinzen umher huldigten. Und so schied er von mir, und ich versank in teilnehmende Traurigkeit. Bis die Vögel des Morgens, die in seinen tausend Öffnungen wohnen, der Sonne entgegenjauchzten und mich aus dem Schlummer weckten. Wie frisch leuchtet er im Morgenduftglanz mir entgegen, wie froh konnt' ich ihm meine Arme entgegenstrecken, schauen die großen harmonischen Massen, zu unzählig kleinen Teilen belebt, wie in Werken der ewigen Natur, bis aufs geringste Zäserchen, alles Gestalt, und alles zweckend zum Ganzen; wie das festgegründete, ungeheure Gebäude sich leicht in die Luft hebt, wie durchbrochen alles und doch für die Ewigkeit. Deinem Unterricht dank' ich's, Genius, daß mir's nicht mehr schwindelt an deinen Tiefen, daß in meine Seele ein Tropfen sich senkt der Wonneruh des Geistes, der auf solch eine Schöpfung herabschauen und gottgleich sprechen kann: Es ist gut! […]
Die Kunst ist lange bildend, eh' sie schön ist, und doch so wahre, große Kunst, ja oft wahrer und größer als die schöne selbst. Denn in dem Menschen ist eine bildende Natur, die gleich sich tätig beweist, wann seine Existenz gesichert ist. Sobald er nichts zu sorgen und zu fürchten hat, greift der Halbgott, wirksam in seiner Ruhe, umher nach Stoff, ihm seinen Geist einzuhauchen. Und so modelt der Wilde mit abenteuerlichen Zügen, gräßlichen Gestalten, hohen Farben seine Kokos, seine Federn und seinen Körper. Und laßt diese Bildnerei aus den willkürlichsten Formen bestehn, sie wird ohne Gestaltsverhältnis zusammenstimmen; denn eine Empfindung schuf sie zum charakteristischen Ganzen.
Diese charakteristische Kunst ist nun die einzige wahre. Wenn sie aus inniger, einiger, eigner, selbstständiger Empfindung um sich wirkt, unbekümmert, ja unwissend alles Fremden, da mag sie aus rauher Wildheit oder aus gebildeter Empfindsamkeit geboren werden, sie ist ganz und lebendig. Da seht ihr bei Nationen und einzelnen Menschen dann unzählige Grade. Je mehr sich die Seele erhebt zu dem Gefühl der Verhältnisse, die allein schön und von Ewigkeit sind, deren Hauptakkorde man beweisen, deren Geheimnisse man nur fühlen kann, in denen sich allein das Leben des gottgleichen Genius in seligen Melodien herumwälzt; je mehr diese Schönheit in das Wesen eines Geistes eindringt, daß sie mit ihm entstanden zu sein scheint, daß ihm nichts genugtut als sie, daß er nichts aus sich wirkt als sie, desto glücklicher ist der Künstler, desto herrlicher ist er, desto tiefgebeugter stehen wir da und beten an den Gesalbten Gottes
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M 3 

Überprüfen Sie Ihr Textverständnis:

  1. Kunst muss sich – nach Goethe – sowohl durch „Harmonie der Massen" als auch durch „Reinheit der Formen" auszeichnen.
  2. Goethe lernt beim Anblick des Straßburger Münsters die „Willkürlichkeit" gotischer Baukunst schätzen.
  3. Die Schönheit eines Kunstwerks erschließt sich besonders demjenigen, der sie gefühlsmäßig erfassen kann.
  4. Ein Kunstwerk offenbart sich als Ganzes; Details sind nebensächlich.
  5. Erst die Stimmigkeit seiner Einzelteile macht die Güte eines Kunstwerks aus.
  6. Die Kunst des Sturm und Drang ist geprägt durch Freiheit. Der Künstler ist an keine Normen gebunden.
  7. Der Betrachter eines Kunstwerks muss verstehen und erklären können, was der Künstler sich dabei gedacht hat.
  8. Ein großer Künstler kann sein Kunstwerk erklären.
  9. Kunst muss sein wie die Natur, wo alles Zusammenhang hat und kein Detail nutzlos ist.
  10. Kunst muss harmonisch sein.
  11. Kunst entsteht aus dem Zusammenwirken von „rauher Wildheit" und „gebildeter Empfindsamkeit".
  12. Goethe nennt jene Kunst „charakteristische Kunst", die aus der Empfindung des Künstlers heraus entsteht – unabhängig von dessen sozialem und persönlichem Umfeld.
  13. Die Schönheit eines Kunstwerks hat etwas Religiöses.
  14. Je besser ein Kunstwerk ist, desto mehr spricht es den Rezipienten an.
  15. Der Gradmesser für die Güte eines Kunstwerks ist die Echtheit der darin zum Ausdruck kommenden Gefühle.
  16. Das Gefühl, das ein gutes Kunstwerk beim Rezipienten auslöst, ist mit dem Gefühl vergleichbar, das zu seiner Entstehung führte.
Auflösung (die Zeilenangaben stimmen selbstverständlich beim Ausdruck nicht!):
1) falsch: Die „Reinheit der Formen" ist nicht notwendig, sofern das Kunstwerk aus „einer Empfindung heraus" entstand, wodurch schon die notwendig Einheit gegeben ist. 2) falsch: Die Bauweise des Münsters gehorcht einer höheren Ordnung 3) richtig (vgl. Z.31 [Da offenbarte...]) 4) falsch: Die Details sind insofern wichtig, als sie das Ganze erst ermöglichen. 5) richtig (vgl. Z. 17 f.) 6) falsch: Der Künstler trägt die Normen in sich; gleichwohl folgen seine Kunstwerke gewissen „Hauptakkorden" (Z. 74) und einem „geheimen Plan", der der Empfindung des Künstlers entspringt. 7) falsch (vgl. Z. 16 ff.) 8) falsch (vgl. Z. 68 ff.) 9) richtig (vgl. Z. 52) 10) richtig (vgl. Z. 53) [alles zweckend zum Ganzen] 11) falsch: Es müsste heißen „entweder…oder", nicht „und" (vgl. Z. 70 f.) 12) richtig (vgl. Z. 68 ff.) 13) falsch, zumindest nicht im christlichen Sinne; Kunst hat nur insofern etwas Religiöses, als sich im Genie die ewig-tätige, schöpferische Natur und damit ein göttliches Prinzip äußert. 14) richtig, aber der Umkehrschluß wäre falsch: Nicht jedes Werk, das die Massen anspricht, ist deshalb schon ein Kunstwerk. 15) richtig 16) richtig

M 4

Gedichtvergleich F. L. von Stolberg zum Thema „Natur und Kunst":

An die Natur

Den schwachen Flügel reizet der Äther nicht!
Im Felsenneste fühlt sich der Adler schon
Voll seiner Urkraft, hebt den Fittig,
Senkt sich und hebt sich und trinkt die Sonne!

Du gabst, Natur! ihm Flug und den Sonnendurst!
Mir gabst du Feuer, Durst nach Unsterblichkeit,
Dies Toben in der Brust! Das Staunen
Welches durch jegliche Nerve zittert,

Wenn schon die Seelen werdender Lieder mir
Das Haupt umschweben, eh das nachahmende Gewand der Sprache sie umfließet,
Ohne den geistigen Flug zu hemmen.

Du gabst mir Schwingen hoher Begeisterung,
Gefühl des Wahren, Liebe des Schönen du!
Du lehrst mich neue Höhen finden
Welche das Auge der Kunst nicht spähet!

Von dir geleitet wird mir die Sternenbahn
Nicht hoch, und tief sein nicht der Oceanus,
Die Mitternacht nicht dunkel, blendend
Nicht des vertrauten Olymps Umstrahlung!

An die Kunst

Dem nächt'gen Flügel bleibet der Tag verschlossen!
Die weise Eule im Felsengeniste
Hebt in ihrer Urkraft die Schwingen,
Hebt sich und fliegt zur Sternennacht!

Du gabst, Natur! ihr Aug und Flug zur Dunkelheit!
Du, Kunst, du gabst mir: Kraft zur Unsterblichkeit,
Dies Toben in der Brust! Das Raunen
Welches sich durch alle Sinne zieht,

Wenn schon die Seelen werdender Lieder mir
Die Sinne umschweben, eh das schaffende
Gewand der Sprache sie erhellend bannt,
Ein Vergessen zu hindern.

Du gabst mir Worte hoher Begeisterung,
Gefühl des Wahren, Liebe des Schönen du!
Du lehrst mich Bilder zeichnen
Welche das Auge der Kunst nur erfaßt!

Von dir geleitet wird mir die Sternenbahn
Nicht hoch genug, und tief nicht sein der Ocean,
Die Mitternacht nicht dunkel;
Hell durch des Apolls Umstrahlung!


©  R. Lindenhahn



M 5 

Gedichtvergleich J. W. Goethe, Natur und Kunst

Natur und Kunst, sie werden stets sich fliehen
und hast der beiden eine du gefunden,
so ist die andere dir jäh entschwunden,
denn nie vermagst du beide anzuziehen.

Mag auch Natur im Herzen wieder glühen!
Sobald wir denn in abgemeßnen Stunden
mit Geist und Fleiß uns an die Kunst gebunden,
Hilft der Natur kein redliches Bemühen!

So ist's mit aller Freiheit auch beschaffen:
Vergebens werden kunst-gebundne Geister
nach der Natur befreiter Höhe streben.

Wer Bildung will, muß sich zusammenraffen:
In der Beschränkung wirkt manch wack'rer Meister,
doch im Gesetz kann keine Freiheit leben.

©  R. Lindenhahn

Natur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehen
und haben sich, eh' man es denkt, gefunden;
der Widerwille ist auch mir verschwunden,
und beide scheinen gleich mich anzuziehen.

Es gilt wohl nur ein redliches Bemühen!
Und wenn wir erst in abgemeßnen Stunden
mit Geist und Fleiß uns an die Kunst gebunden,
mag frei Natur im Herzen wieder glühen.

So ist's mit aller Bildung auch beschaffen:
Vergebens werden ungebundne Geister
nach der Vollendung reiner Höhe streben.

Wer Großes will, muß sich zusammenraffen;
in der Beschränkung zeigt sich erst der Meister,
und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben.



M 6 

Wandrers Nachtlied (Ein gleiches)

_______1 allen ... ipfeln 2
Ist Ruh',
_______
3 allen … ipfeln4
________________
5 du
Kaum ____________________
6 ;

Die Vögelein ____________________
7 im Walde.
Warte nur, balde
____________________
8 du auch.

1 Auf / Aus / Hinter / In / Über
2 G / W
3 Auf / Aus / Hinter / In / Über
4 G / W
5 Fühlest / Hörest / Merkest / Siehest / Spürest
6 eine Brise / einen Hauch / einen Laut / ein Lüftchen / einen Wind
7 ruhen / schlafen / schweigen / singen / sterben
8 Ruhest / Schläfst / Schweigest / Singest / Stirbst

Wandrers Nachtlied

Der du von dem Himmel bist,
Alles Leid und Schmerzen stillest,
Den, der doppelt elend ist,
Doppelt mit Erquickung füllest,
Ach, ich bin des Treibens müde!
Was soll all der Schmerz und Lust?
Süßer Friede,
Komm, ach komm in meine Brust!

Ein gleiches

Über allen Gipfeln
Ist Ruh',
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.


M 7

J. von Eichendorff, Wünschelrute


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schlafen über leben klingen wollen
rufen in liegen sterben hören
singen aus träumen tönen verlangen
klingen von existieren singen suchen
tönen durch sein bringen treffen





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