zur Erzähltechnik Kafkas

 

Josef K. vermutete, dass ihn jemand verleumdet hatte, denn ohne daß er etwas Böses getan hatte, wurde er eines Morgens verhaftet. Die Köchin der Frau Grubach, seiner Zimmervermieterin, die ihm jeden Tag gegen acht Uhr früh das Frühstück brachte, kam diesmal nicht, was K. überaus merkwürdig erschien, denn das war noch niemals geschehen. K. wartete noch ein Weilchen, sah von seinem Kopfkissen aus die alte Frau, die ihm gegenüber wohnte und die ihn mit einer an ihr ganz ungewöhnlichen Neugierde beobachtete, dann aber, gleichzeitig befremdet und hungrig, läutete er. Sofort klopfte es und ein Mann, den er in dieser Wohnung noch niemals gesehen hatte, trat ein. Er war schlank und doch fest gebaut, er trug ein anliegendes schwarzes Kleid, das, ähnlich den Reiseanzügen, mit verschiedenen Falten, Taschen, Schnallen, Knöpfen und einem Gürtel versehen war und das K. infolgedessen besonders praktisch erschien, ohne daß er sich darüber klar wurde, wozu diese seltsam anmutende Kleidung dienen sollte. „Wer sind Sie?“ fragte K. und saß gleich halb aufrecht im Bett. Der Mann aber ging über die Frage hinweg und verhielt sich gerade so, als müsse man seine Erscheinung hinnehmen. Er sagte bloß seinerseits: „Sie haben geläutet?“ „Anna soll mir das Frühstück bringen“, sagte K. und versuchte durch Aufmerksamkeit und Überlegung festzustellen, wer der Mann eigentlich war.

 

 

The Trial, Franz Kafka – englische Übersetzung

 

Translation Copyright (C) by David Wyllie

 

Chapter One

Arrest - Conversation with Mrs. Grubach - Then Miss Bürstner

Someone must have been telling lies about Josef K., he knew he had done nothing wrong but, one morning, he was arrested.  Every day at eight in the morning he was brought his breakfast by  Mrs. Grubach's cook - Mrs. Grubach was his landlady - but today she didn't come. That had never happened before. K. waited a little while, looked from his pillow at the old woman who lived opposite and who was watching him with an inquisitiveness quite unusual for her, and finally, both hungry and disconcerted, rang the bell.  There was immediately a knock at the door and a man entered.

aus: http://www.gutenberg.org/dirs/etext05/ktria11.txt

 

 


 

Übersicht Erzählperspektiven

 

Erzählverhalten

auktorial

neutral

personal

Erzählform

Ich-Form

Der Erzähler löst sich aus dem Erzählzusammenhang, bringt sich selbst ins Spiel und wendet sich oft direkt an den Leser.

Oft erscheint er in irgendeiner Form als Mitwirkender am Geschehen.

 

Er kommentiert oder reflektiert –  entweder, indem er in der Ich-Form in Erscheinung tritt, oder indem er sich nur durch die Anrede des Lesers zu erkennen gibt.

Der neutrale Ich-Erzähler ist extrem selten.

Der Ich-Erzähler schildert die Ereignisse aus seiner eigenen Sicht, die aber nicht  unbedingt seiner jetzigen entspricht – so kann er zum Beispiel von früher berichten. Wir unterscheiden dann zwischen dem (damals) erlebenden (= früheren) und dem (jetzt) erzählenden (= jetzigen) Ich.

Er-/ Sie-Form

Ein Erzähler tritt nicht in Erscheinung. Das Geschehen wird aus der Distanz eines nicht näher bezeichneten Beobachters vermittelt.

Der Erzähler tritt hinter die handelnden Personen zurück und sieht die Welt gewissermaßen aus ihren Augen; es findet sich oft Innensicht, die sich häufig in erlebter Rede* äußert.

Standort des Erzählers

allwissender Erzähler möglich
(= olympische Position)

begrenzter Blickwinkel des Erzählers

* Erlebte Rede: Wiedergabe von Gedanken einer Person in der dritten Person und im Tempus des Erzählten; es werden keine Redezeichen verwendet. Beispiel: K. wurde unsicher. War er hier schon einmal gewesen?

 

 

aus: Reinhard Lindenhahn, Arbeitsheft zur Literaturgeschichte. Kopiervorlagen: Literatur im Test. Cornelsen Verlag, Berlin 2006.
Schema frei nach Petersen in: Gutzen et.al.: Einführung in die neuere deutsche Literaturwissenschaft Schmidt-Verlag, Berlin 1989, S. 17 ff