© Reinhard Lindenhahn

Hinweis: Der folgende Vortrag ist nur für den privaten Gebrauch bestimmt und darf nicht für Veröffentlichungen irgendwelcher Art verwendet oder ohne Erlaubnis des Verfassers vervielfältigt werden. Des weiteren ist er als mündlich vorgetragenes Referat praktisch unverändert in die hier vorliegende Schriftfassung übernommen, und nicht etwa als Aufsatz für eine Fachzeitschrift o.ä. konzipiert. Das bedeutet, dass die Bezüge zu den während des Vortrags gezeigten Powerpoint-Folien und zu den ausgegebenen Arbeitsblättern aus Gründen des Speicherplatzes nicht immer explizit hergestellt werden, obwohl manches eigentlich nur aus dem (hier fehlenden) Kontext heraus verständlich wird. Diesen Mangel bitte ich zu entschuldigen.

 


 

F. Kafka, Der Proceß – Gedanken zur Interpretation

Die schwierige Grundproblematik kafkascher Texte ist deren potentielle Uninterpretierbarkeit: Sie ist ein – wenn nicht gar das – Strukturierungsprinzip, das es zu erkennen gilt, und dies ist wiederum keine Interpretation im Sinne einer dem Text aufoktroyierten Deutung, sondern eine sich durch Kafkas gesamtes Werk wie ein roter Faden ziehende Konstanz. Kafkas Dichtung zu interpretieren ist überaus problematisch – und überhaupt nur möglich und sinnvoll auf der Basis einer Textanalyse.

Ich gehe bei meinen Ausführungen von drei Grundthesen aus:

 

Erstens:

Es geht nicht darum, das Unbewusste Kafkas zu analysieren, sondern das Verborgene Etwas seiner Texte.

Im ersteren Fall würden wir den Text benutzen, um die Person Kafka näher zu ergründen. Im zweiten Fall spielt die Person des Verfassers zunächst einmal überhaupt keine Rolle, es geht in allererster Linie um den Text.
Im Abitur werden keine Kenntnisse über Kafka und dessen Biografie abgeprüft, sondern das Textverständnis der Schüler.

 

Zweitens:

Eine plausibel klingende Interpretation einer Textstelle ist solange akzeptabel, wie sie von anderen Texten unterstrichen wird oder wie sie nicht von einer andern Stelle in Frage gestellt wird.

 

Drittens:

Missverständnissen und Fehlern leistet Vorschub, wer gleich zu Beginn handliche Verstehensmuster etwa in Form biografischer Hintergründe zu Kafka anbietet.

Die Schülerinnen und Schüler werden dieses Interpretationsangebot, mit dem kleinen Finger dargereicht, gleich beidhändig ergreifen und alles andere verwerfen. Ganz abgesehen davon: Wenn es so wäre, dass gerade die biografistische Deutung zutrifft, so wäre damit ein Wertkriterium gefunden, an dem gemessen sich Kafkas Roman (und Werk) nicht gerade günstig ausnähme, wäre es doch nur mystifizierende Wiederholung und Umweg, kurzum: angewandte Kunst oder Kunstgewerbe. Damit wird der Text reduziert auf ein 1:1 auflösbares Rätselspiel, auf eine spiegelsymmetrische Parabel im mathematischen Sinne, bei der ein Punkt der Minusseite einem andern der Plusseite entspricht.

„Genau dies aber bezeichnet die Struktur zahlreicher Kafka-Deutungen: Vom Werk fort auf die Totalität seines Wissens reflektierend, erhofft sich der Betrachter ein Echo gewisser Textzüge in diesem oder jenem Bereich seiner Erfahrung; er identifiziert so literarische Setzungen auf dem Weg aus dem Text und reproduziert dann das erinnerte Erfahrungswissen auf den Text.“ (G. Heintz)  vgl. MK-3 im Anhang

 

Lassen Sie mich eine Einschränkung und Klarstellung vornehmen: Es wäre naiv zu postulieren, dass der „Proceß“ frei ist von biografischen Elementen. Das Gegenteil ist richtig: Der Roman ist gespickt mit Reminiszenzen auf Kafkas Leben, insbesondere seine persönliche Situation nach der Auflösung seiner Verlobung mit Felice Bauer. Aber ich meine gleichwohl, dass ein – zumal am Anfang stehendes! – Herausarbeiten dieser Reminiszenzen und Andeutungen nicht hilfreich ist für eine unterrichtliche Behandlung, weil sie die Schülerinnen und Schüler auf eine vermeintlich sichere Fährte lockt, die diese freiwillig nie wieder verlassen und die sie blind macht für die Vielschichtigkeit und den eigentlichen Wert des Werks.

 

Heintz resümmiert: „Man kann Kafka falsch deuten, niemals aber richtig; wohl kann man ihn […] stimmig deuten.“

 

Es gilt übrigens für jede Interpretation im Deutschunterricht, dass der Text die Ausgangsbasis sein sollte und Hintergrundinformationen eben genau dies bleiben: Hintergrundinformationen, die bei Bedarf im Anschluss an die Textanalyse ergänzend dargeboten werden. Mittlerweile hört man von Unis, wo die Studenten den Primärtext häufig nicht einmal mehr gelesen haben müssen, Hauptsache, sie kennen sich in der Literatur dazu aus – eine katastrophale Fehlentwicklung!

Joseph P. Strelka fasst die Hauptforderungen an eine gute Textanalyse wie folgt zusammen:

 „Wenn man so konkret und elementar als möglich die Frage aufwirft, wie ein literarischer Text am besten analysiert werden soll, dann lautet die erste Antwort: indem man alle seine Einzelheiten und seine Gesamtheit so vollständig als möglich erfaßt, und die zweite Antwort: indem man zwei Hauptfehler vermeidet: daß man entweder etwas übersieht, was im Text enthalten und womöglich von Wichtigkeit ist, oder aber, daß man etwas in den Text hineinprojiziert, das gar nicht in ihm enthalten ist. [ ... ] Im Mittelpunkt der Analyse steht auf jeden Fall das Werk selbst, von dem immer auszugehen ist und zu dem man immer zurückkehren muß“ (aus: Joseph P. Strelka, Einführung in die literarische Textanalyse, UTB, Band 1508, Tübingen, 1998, S. 11 bzw. 13).

 

 

 

 

Kerze (5)Wir kommen zum Text selbst:

 

Die für mich schönste Textstelle aus dem Proceß gibt einen tiefen Einblick in Kafkas Dichtkunst und Denkweise. Die Szene spielt im vorletzten Kapitel des Romans, „Im Dom“, und zwar kurz bevor Josef K. auf den Gefängniskaplan trifft.

K. dreht sich „zufällig“ (S. 216, Z. 29) um, er sucht das Licht nicht mit Absicht, vermutet es auch hinter sich nicht, obwohl es „nicht weit“ von ihm weg ist, es scheint also in der Tat sehr schwach zu sein bzw. die Dunkelheit ist sehr tief. Die Perspektive, die in diesem kurzen Textabschnitt nur bedingt zum Ausdruck kommt, ist die Josef K.s. Der Leser nimmt also alles durch dessen Erleben wahr, selbst wenn keine personale Erzählsituation im herkömmlichen Sinne – also etwa mit erlebter Rede – vorliegt. Das Licht, das K. hat, um irgendetwas zu erkennen,  ist „gänzlich unzureichend“ – und hier geht es nicht um irgend etwas, sondern um Altarbilder, die Zeugnis ablegen über die Heilsbotschaft und Mittler sind zwischen Leben und Ewigkeit und deren Funktion es ist, Halt und Hoffnung zu geben. Aber es ist nicht einmal sicher, ob diese Altarbilder, tatsächlich da sind, denn man sieht sie nicht, und K. weiß nur, dass sie „meistens“ dort hängen (vgl. S. 216, Z. 32). Und nicht nur das, das Licht ist geradezu kontraproduktiv, denn es „vermehrt“ die Finsternis, anstatt zur Erleuchtung beizutragen. Jeder Versuch der Be- oder Erleuchtung vermehrt letztendlich die Finsternis, verstärkt ihre Dominanz. Kafka spricht nicht von Dunkelheit, was für das Innere eines Doms eigentlich passender wäre, denn Dunkelheit kennt graduelle Unterschiede, ist logisch steigerbar, kennt eine Verform (es dunkelt) und wird als Abtönung für Farben verwendet (dunkelblau). Finsternis dagegen kann nicht verstärkt werden; sie ist Endzustand – so wird zum Beispiel die Sonne verdunkelt bis zur Sonnenfinsternis, und vor der Entstehung der Welt war es finster, nicht dunkel (Ich bin ein Teil des Teils, der vormals alles war, ein Teil der Finsternis, die sich das Licht gebar…). Licht kann also die Finsternis nicht verstärken, wohl aber vermehren, das heißt, neue Dimensionen der Finsternis aufzeigen, die sich ohne Licht nicht erschließen würden, weil die Finsternis sonst unmittelbar an den Betrachter heranreichte, so aber noch tiefer wirkt.

 

Die Kerze im Dom Josef K.s kann als kleines Licht wie ein Bruchstückchen von Erkenntnis gesehen werden, das nicht zur Erhellung der „Wahrheit“ dient, sondern nur die Unmöglichkeit deutlicher werden lässt, dieser teilhaftig werden zu können. Somit sind diese Zeilen paradigmatisch für das Werk Kafkas und seine Interpretation. Jeder Versuch der Be- oder Erleuchtung vermehrt letztendlich die Finsternis, verstärkt ihre Dominanz.

Das ist ein Grundgedanke Kafka‘scher Dichtung, den wir aus seinem Werk direkt entnehmen und den Schülerinnen und Schülern vermitteln können und müssen – und zwar in der Form, dass wir diese Aussage auf unsere interpretatorische Tätigkeit übertragen.

Unsere Schwierigkeit im Unterricht wird sein, genau diese Aporie der Interpretation den Schülern zu vermitteln, nachdem sie jahrelang gelernt haben, dass alles in der Literatur „eine Bedeutung“ hat und interpretierbar ist.

 

Hier liegt nun auch die nicht zu überschätzende Bedeutung der Textanalyse. Denn wo die Zuweisung der interpretatorischen Deutungen versagt, kommt die genaue Analyse am Text zu ihrem Recht – wobei diese, genau genommen, der Interpretation immer vorangestellt sein sollte, was aber leider nicht immer der Fall ist, wodurch wiederum das Vorurteil zustande kommt, Interpretation sei etwas rein Beliebiges und Zufälliges.

 

Von zentraler Bedeutung für die Analyse und die gesamte Interpretation des Romans sind die erzählerischen Mittel (vgl. MK-2) – insbesondere die Perspektive, in der der Roman zum größten Teil verfasst ist. Erst durch sie wird klar, dass der Leser / die Leserin über weite Teile der Handlung nur aus der Sicht Josef K.s informiert wird, das heißt also, keinerlei objektive Fakten erfährt. Der Leser bleibt genauso unwissend wie K. selbst, und das hat natürlich Methode.

Symptomatisch für die Erzählweise ist die Verwendung der erlebten Rede: „K. lebte doch in einem Rechtsstaat.“

Die erlebte Rede steht im normalen Erzähltempus, hier also dem Präteritum, und in der dritten Person, gleicht sich also dem Erzählduktus an. Dass es sich um erlebte Rede handeln muss, erkennt man an einem kleinen Detail, nämlich am dem Abtönungspartikel „doch“.

 

Dies wird den Schülerinnen und Schülern deutlich, wenn wir die Weglassprobe machen: „K. lebte in einem Rechtsstaat.“ Nun handelt es sich um eine Tatsachenaussage, formuliert von einem neutralen Erzähler. Durch das „doch“ kommt aber eine individuelle Verwunderung ins Spiel, die Objektivität ist verschwunden. Wenn man die „erlebte Rede“ kennt, fällt es leicht, sie von direkter Rede wie auch von indirekter Rede zu unterscheiden. Es finden sich aber auch viele Sätze in dem Roman, bei denen die Sache nicht so einfach liegt und die durchaus ambivalent sind. Wie ist das zum Beispiel beim ersten Satz: „Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hatte, wurde er eines Morgens verhaftet.“? – Der erste Teil könnte als erlebte Rede durchgehen, der zweite schon weniger; hier würde man in erlebter Rede eher erwarten: „Er hatte doch nichts Böses getan, warum also wurde er verhaftet?“ Und der letzte Teil schließlich kann wegen der Zeitadverbialen schlechterdings nicht Innensicht sein. Wer aber spricht dann? – Ein Erzähler taucht nicht auf und so gesehen, würde der Satz nach Petersens Definition als neutrale Erzählhaltung durchgehen. Andererseits ist der Kontext eindeutig die Sichtweise K.s. Wir helfen uns nach Peter Beicken (Oldenbourg Interpretationen, S. 119) mit dem Begriff des „hypothetischen Erzählens“. Es tritt immer dort auf, wo keine erlebte Rede vorliegt, aber auch keine neutrale Erzählsicht (die im Roman ohnehin selten ist), sondern wo die subjektive Sichtweise K.s in ihrer Gestaltung ihrer Umwelt gezeigt wird (z.B. durch Sätze wie: „Er glaubte zu bemerken | ohne dass man sich darüber klar wurde, wozu es dienen sollte | Es war nach dem Klang nicht sicher, ob nicht mehrere Personen daran beteiligt waren“ usw.). Derlei Wendungen sollen die Schülerinnen und Schüler zur Übung suchen und jede einzelne extra anstreichen, damit sie lernen, genau darauf zu achten.

Wie kann man derartige doch recht subtile Details der Analyse den Schülerinnen und Schülern vermitteln? –

Eine Methode ist der Alternativtext (vgl. MK-1), an dem die Unterschiede zum Original deutlich werden. Die Schülerinnen und Schüler erarbeiten diese im Arbeitsauftrag und zur Lernerfolgskontrolle bzw. Ergebnissicherung kann die HA dienen, eine Passage (z.B. S. 16 oben) nun selbst in die neutrale Perspektive umzuschreiben.

Diesem Unterrichtsschritt kann noch ein weiterer vorangestellt werden, indem die Schülerinnen und Schüler den Romananfang in englischer Übersetzung erhalten und diesen nun ins Deutsche transferieren müssen. Es braucht nicht zu befürchten, dass die Schülerinnen und Schüler den Text so gut gelesen haben, dass ihnen der Romananfang noch wörtlich präsent ist – und selbst wenn, schadet dies nichts. Wenn die Passage übersetzt wird, vergleicht man mit dem Original – und es ergibt sich ein genauer Blick auf die Unterschiede und es stellt sich die Frage, warum Kafka anders formuliert hat als Übersetzer und Rück-Übersetzer.

 

Die erzähltheoretischen Grundlagen sind zu Beginn der Unterrichtseinheit auf jeden Fall unbedingt zu erarbeiten und sie sind auch die eigentlichen Bausteine einer erfolgreichen Interpretation, denn sie entscheiden über die Kompetenz der Schülerinnen und Schüler, sich später auch ohne die Hilfe des Lehrers mit im Unterricht nicht behandelten Textstellen erfolgreich zu befassen.

Neben diesen sprachlichen und perspektivischen Aspekten werden zur Erschließung des Inhalts Antinomien und Inkohärenzen herausgearbeitet, wie etwa, dass Josef K. verhaftet wird, dennoch aber frei bleibt, das Gesetz wird schon in seiner Ungreifbarkeit vorgestellt, zwei ominöse Herren tauchen auf, die K. an Bankangestellte erinnern und vor allem erlebt der Leser hier schon den Widerspruch aus der bewussten Selbstwahrnehmung Josef K.s („ohne dass er etwas Böses getan hätte“) und seinem unbewussten Erleben des Prozesses, den er widerwillig und doch auch wieder bereitwillig annimmt – schließlich fügt er sich in alles, obwohl er sich verbal und rational wehrt. Nebenbei: Der Begriff „böse“ ist eine moralisch-ethische Kategorisierung und beinhaltet nichts Justiziables.

Hier schon wird deutlich, dass K. seinen Prozess missversteht. Des Weiteren bietet es sich an, die Lernenden eine Tabelle anfertigen zu lassen mit zwei Spalten: Was erfährt man aus dem Erzählanfang, was erfährt man nicht? Daraus ergibt sich, dass sehr viel mehr unklar bleibt als gesagt wird.

Um die Erzählperspektive und die Haltung Josef K.s gegenüber seinem „Prozess“ besser zu verstehen, hilft den Schülerinnen und Schülern auch ein Vergleich mit den Beginn der Erzählung „Die Verwandlung“ (1915) : Gregor Samsa wacht eines Morgens (wie auch Josef K.) aus „unruhigen“ Träumen auf und fühlt sich in ein „ungeheures Ungeziefer“ verwandelt. Zunächst tut er aber so, als wäre nicht geschehen und bald schon denkt er wieder – wie Josef K. – an seine Firma und überlegt, welche Begründungen er für sein Zuspätkommen anführen kann. So, wie Samsa unverhofft zum Käfer mutiert, wird Josef K. mit einem Prozess stigmatisiert.

Methodisch könnte man den Erzählanfang des Weiteren auch in der Form angehen, dass man eine Folie der Handschrift Kafkas auflegt, aus der hervorgeht, dass Kafka ursprünglich statt „verhaftet“ „gefangen worden“ geschrieben hatte. Diese so genannte „Ersatzprobe“ kann zusätzlich noch erweitert werden, indem man ähnliche Begriffe gegeneinander abgrenzt (evtl. im Zusammenhang mit der Übersetzung aus dem Englischen: eingesperrt – verurteilt – festgesetzt – gefangen genommen etc. Dabei wird klar, dass „verhaftet“ der am wenigsten konkrete Begriff in diesem Begriffsfeld ist und dass diese „Verhaftung“ zwar eine rechtliche Komponente ins Spiel bringt, offensichtlich aber keinen juristischen Dimensionen unterworfen ist, sondern einer bis dato völlig unklaren inneren Systematik zu folgen scheint, denn die „Verhaftung“ ist eine solche ja nur aus der Perspektive des Josef K., und sie ist nebulös genug: Der Roman beginnt mit einem Indefinitpronomen, das im Rahmen einer vagen Vermutung erscheint, und der ganze Satz steht in erlebter Rede bzw. ist hypothetisches Erzählen. Darüber hinaus ist auch schon im ersten Satz K.s völliges Missverstehen seiner Situation angelegt. Es wird gezeigt, dass er mit anderen Parametern an seinen „Fall“ herangeht, als dies notwendig wäre – denn er geht von der konventionellen Bedeutung der Begriffe aus (wie übrigens auch der Leser) und schon jetzt zeigt sich, dass seine Auffassung von Schuld nichts zu tun hat mit der, die dem Gericht eigen ist (v gl. S. 15, Z 6 ff: Sieh, Willem, er gibt zu …).

Interessanterweise erscheinen übrigens auch die beiden Herren, die Josef K. verhaften, erst auf dessen Klingeln hin, also nicht aus eigenem Antrieb, sondern auf Veranlassung von K. selbst („Sie haben geläutet?“). K. hat also mit seinem Fall durchaus zu tun, es ist sein ganz individueller Prozess, doch er weiß dies nicht und kann dies auch bis zum Ende nicht verstehen.

Die Perspektive K.s ist die Perspektive einer Täuschung, indem er nach „jemandem“ sucht und sich im Geiste der Konvention für schuldlos hält, weil er nichts „Böses getan“ hat. Dabei kommt das Gericht nicht von sich aus, sondern es wird von der Schuld angezogen (vgl. S. 14).

Schon zu Beginn gibt es klare Hinweise darauf, wie das „Gesetz“ zu verstehen sein könnte: K. wirft den Wächtern vor, das Gesetz existiere „wohl auch nur in Ihren Köpfen“, woraufhin der Wächter Willem „abweisend“ antwortet: „Sie werden es zu fühlen bekommen“ (S. 15).
Aus der Redensart „etwas zu spüren bekommen“ wird hier „fühlen“, obwohl dies gänzlich unlogisch scheint, denn „fühlen“ kommt per se von innen heraus, man kann etwas fühlen, nicht aber zu „fühlen bekommen“. Ergänzt wird der Satz durch die kryptische Aussage: „… er gibt zu, er kenne das Gesetz nicht und behauptet gleichzeitig schuldlos zu sein“ (S. 15). Die Schuld besteht also in der Unkenntnis des Gesetzes, das über Schuld zu befinden haben sollte – ein unauflösbarer Widerspruch, den Willem gleichwohl glaubt einem andern als K. „begreiflich“ machen zu können.

 

Der Begriff der „Schuld“ muss hier – wie auch die Begriffe „Gericht, Gesetz“ etc. neu definiert werden; er ist keiner juristischen, religiösen oder moralischen Bewertung unterworfen, sondern nur aus der inneren Systematik des Romans heraus zu fassen. Diese Begriffe dürfen nicht mit den uns bekannten Inhalten gefüllt werden. Die Uninterpretier­barkeit des Gerichtsapparats bzw. des Gesetzes allgemein ist die Basis einer sinnvollen Interpretation des Romans.

 

Josef K. prüft nicht, ob es nicht darum geht, was er gedacht oder gefühlt hat, also um innere Prozesse. Er operiert mit äußeren Schuldzuweisungen und behält dieses Muster bei bis fast zum Schluss. Gleichzeitig aber fühlt er, ohne sich dies je bewusst zu machen, was mit ihm los ist – so sagt er sich gewissermaßen unbewusst „Noch war er frei“ (S. 13). Einerseits wehrt er sich verbal (Wie kann ich denn verhaftet sein?, S. 13, Z. 31) und fordert einen Verhaftbefehl (S. 14 oben).

Auch glaubt sich und seine Existenz auf bürokratisch angemessene Weise zu legitimieren, indem er seinen Geburtsschein zeigt. Andererseits aber spielt er hier schon völlig absurderweise mit dem Gedanken an Selbstmord (S. 16 unten und 17 oben) und versucht sich fieberhaft klare Gedanken zu seiner Situation zu machen (S. 16).

 

Diese Passage (S. 16 oben) ist gekennzeichnet durch die erlebte Rede. Es beginnt mit neutraler Erzählperspektive: „Ohne auf dieses Angebot zu warten, stand K. ein Weilchen lang still“ (S. 16). Dann folgt ganz unvermittelt die Innensicht in erlebter Rede: „Vielleicht würden ihn die beiden [ ... ]“ Z. 2 ff. Das Kommentaradverb „vielleicht“ zeigt im Zusammenspiel mit dem Konjunktiv eindeutig, dass wir die Situation jetzt aus der Perspektive von Josef K. sehen und an solchen Stellen empfiehlt es sich, die Schülerinnen und Schüler einfach nach weiteren Indizien für diese Perspektive suchen zu lassen und dabei werden schon typische Eigenheiten des Stils wie auch der Perspektive deutlich (Hinweis auf das Arbeitsblatt mit den Wortarten). K. glaubt hier, dass „der natürliche Verlauf“ mit Sicherheit eine Lösung bringen würde (vgl. Z. 10),und vordergründig fühlt er sich so „wohl und zuversichtlich“ (Z. 19) wie ein Pfeifender nachts im Wald, denn er denkt nicht nur darüber nach, wie er sich in der Bank entschuldigen würde, wobei er meint Zeugen aufführen zu müssen – er glaubt also hier schon Helfer zu brauchen –, sondern er trinkt auch zwei Gläschen Schnaps, um sich Mut zu machen (S. 17, Z. 11) und für den „unwahrscheinlichen“ Fall, diesen zu brauchen. Gerade hier zeigt sich, wie so oft im Roman, die Doppelbödigkeit zwischen der scheinbaren Leichtigkeit, mit der K. seinen Fall angeht, und dem tiefen inneren Involviertsein, das ihn umtreibt und antreibt. Weit her ist es mit seinem Mut denn auch nicht, denn gleich, nachdem er einen Schnaps getrunken hat, erschreckt ihn ein „Zuruf“ so, dass er „mit den Zähnen ans Glas schlug“ (S. 17, Z. 15).

 

Vieles deutet darauf hin, dass es sich um einen inneren Prozess handeln muss, den K. führt. Sollte „Schuld“ also zum Beispiel heißen, das Leben nicht zu reflektieren, nicht bewusst zu leben? – Gesagt wird dies nirgendwo, man kann diese Schlussfolgerung lediglich aus vagen Hinweisen ableiten. Auf keinen Fall aber ist „Schuld“ zu verstehen als eine „Schuld“ im landläufigen Sinne. Peter-André Alt formuliert das folgendermaßen:

„Sein [also K.s, Anm. d. Verf.] Prozess ist ein Vorgang der Selbstanklage, dem er unmöglich zu entkommen vermag. K. kann dem Gericht nicht ausweichen, weil es mit ihm selbst identisch ist. [ ... ] Seine besondere Konfliktstruktur gewinnt der Roman dadurch, dass Josef K. dem Schuldgefühl, das sein Unbewusstes gespeichert hat, mit massiver Abwehr begegnet.“ (P.-A. Alt. Franz Kafka, Der ewige Sohn, Beck-Verlag, München 2005, S. 395)

Nun ist das freilich eine Interpretation und als solcher ist ihr mit Vorsicht zu begegnen. Aber sie stimmt mit allen Indizien, die der Roman gibt, überein. Und K.s zwangsläufige Unfähigkeit, die von Alt geschilderten Umstände selbst zu erkennen, äußert sich unter anderem darin, dass eine veränderte, eine verfremdete und merkwürdige Bezeichnung verwendet wird – denn wenn von „Schuld“ die Rede wäre, würde dies ja zumindest einen Ansatz selbstreflektorischer Fähigkeiten K.s verraten.

Zur Vertiefung und Erweiterung kann im Zusammenhang mit der fragwürdigen Bedeutung einzelner Wörter ein kurzer Exkurs in die bildende Kunst zur Zeit Kafkas gemacht werden. Kafkas Zeitgenosse René Magritte hat wie kaum ein anderer die Wörter in ihrer Bedeutung und Wirkung in Frage gestellt. Dies kann mit einem Bildimpuls eingeleitet werden:

 

 

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René Magritte, Les mots et les images (1929). In: La révolution surrealiste (Dezember 1929) aus: Karlheinz Lüdeking: Die Wörter und die Bilder und die Dinge. In: René Magritte, Die Kunst der Konversation, Prestel Verlag, München 1996, S. 58 ff.

 

Dazu schon im 19. Jahrhundert Wilhelm von Humboldt:

„Das Wort ist nicht ein Abdruck des Gegenstandes an sich, sondern des von diesem in der Seele erzeugten Bildes. [ ... ] [Es ist] nicht das Äquivalent des den Sinnen vorschwebenden Gegenstandes, sondern der Auffassung desselben durch die Spracherzeugung im bestrimmten Augenblick der Worterfindung.“ –

Und wir können hinzufügen: … der Wortwahrnehmung, denn auch der Leser schafft sich durch das Lesen eines Wortes dessen Vorstellung – in unserem Falle eine andere als die, die Kafka bei der Bildung etwa der Wörter „Gericht“ oder „Gesetz“ vorschwebte – fast so extrem wie bei Magritte, der – wie später der alte Mann in Peter Bichsels  Ein Tisch ist ein Tisch alle Bezeichnungen neu verteilt und damit seine Zweifel an der Aussagekraft der Sprache äußert.

 

Wir können zusammenfassend fragen: Was haben wir bis hierher über das Gericht erfahren?

 

Das Kapitel „Im Dom“ (bes. S. 220 ff) stellt in vielerlei Hinsicht Höhepunkt und Kulminationspunkt des Romans dar. Es finden sich fast alle wesentlichen Motive des bisherigen Verlaufs und es ist das Kapitel, das Josef K. eigentlich Klarheit verschaffen sollte – die sich übrigens auch der Leser noch immer (vergebens) erhofft. Zumindest aber kommen neue Hinweise, die aber alles wiederum eher verdunkeln als beleuchten.

 

Es ist feucht, kühl und dunkel, die Fenster sind verhangen, die Vorhänge der Fenster herabgelassen, die Zugänge zu den Wohnungen der Mitmenschen mithin verschlossen. K. ist um 10 verabredet, kommt jedoch um 11 an und glaubt pünktlich zu sein (216 – vgl. Ausgabe v. Max Brod!). Die Ankunftszeit wird ihm von der Turmuhr bestätigt (S. 216). Auf seiner eigenen Uhr ist es allerdings erst sehr viel später 11 Uhr (S. 220) – das bedeutet, wir haben eine Situation wie in der Parabel Ein Kommentar bzw. Gibs auf. Daran, dass er den Italiener nicht trifft, mit dem er eigentlich verabredet ist, gibt Josef K. diesem und dem Direktor die Schuld und er beschließt, eine halbe Stunde zu warten. Nun wird es immer dunkler und K. nimmt plötzlich das schon erwähnte Kerzenlicht wahr und bemerkt den Kirchendiener. Er folgt ihm beinahe gegen seinen eigenen Willen, glaubt ihn auch mit Geld abspeisen zu können, und trifft schließlich auf die Nebenkanzel, wo der Geistliche auf ihn wartet und das Licht etwas weiter aufschraubt (womit er im übertragenen Sinne die Finsternis vermehrt).

 

K. hat „nicht die Absicht hierzubleiben“ (S. 221, Z. 2). Er will den Dom verlassen, wird aber von dem Geistlichen beim Namen gerufen. Nun folgt eine verräterische Passage in der Innensicht: „Vorläufig war er noch frei“ (S. 221, vgl. S. 13: Noch war er frei“), und nun macht er sich klar, dass nichts dagegen spräche, einfach weiterzugehen. Aber genau das tut er nicht. Er redet sich im Gegenteil ein, dass er weitergegangen wäre, hätte der Geistliche ein zweites Mal gerufen (S. 222, Z. 2); er tut also so, als würde er aus freiem Antrieb im Dom bleiben, und er gibt sich selbst Gründe vor, warum er bleibt.

Nun erfährt er einige zentrale Punkte vom Geistlichen, die er aber allesamt nicht verstehen kann:

Auf seinen Einwand, er sei nicht schuldig, ein Mensch könne doch nicht schuldig sein (S. 223, Z. 15 ff), entgegnet der Geistliche: „so pflegen die Schuldigen zu reden“.

Dann sagt er: „Du mißverstehst die Tatsachen. Das Urteil kommt nicht mit einemmal, das Verfahren geht allmählich ins Urteil über (223), Z. 25 f).

 

Wenn wir uns die Parabel von Katze und Maus vergegenwärtigen (Max Brod überschrieb sie mit Kleine Fabel), so haben wir hier eine ähnliche Situation: Ein Lebens-Lauf endet in der Falle, ein Umkehren ist nicht möglich. Das Verfahren, sprich: das Gericht ist das Leben, das Urteil der Tod: „Das Gericht will nichts von Dir. Es nimmt Dich auf wenn Du kommst und es entläßt Dich wenn Du gehst“ (S. 235, Z. 6).

 

K. nimmt diese Informationen zunächst demütig, aber geschäftsmäßig an und will wie bisher nach Hilfe suchen – entgegen den Warnungen des Geistlichen gerade bei Frauen. Bezeichnenderweise wird gerade an dieser Stelle etwas über die äußere Situation gesagt, die K. auffällt: „Das war kein trüber Tag mehr, das war schon tiefe Nacht“ (224). Erschrocken ob K.s Unverständnis schreit der Geistliche ihn an: „Siehst du denn nicht zwei Schritte weit?“. Hier wird nun die innere Situation K.s entäußerlicht. Seine Unfähigkeit zur Erkenntnis findet ihren Ausdruck in der Finsternis, die ihn wirklich umgibt. Das Innen wird zum Außen – wie übrigens schon an anderen Stellen. Wiederum aber ist die Reaktion K.s für ihn typisch: Er taktiert. Viel ist – immer in erlebter Rede – von „Möglichkeit“, „nicht unmöglich“ und Ähnlichem die Rede und K. fragt sich, ob ihm der Geistliche dabei helfen könne, den Prozess zu umgehen, außerhalb des Prozesses zu leben (S. 225, Z. Z. 6 ff).

Aber genau dies scheint nicht zu gehen, denn es folgt nun die berühmte Parabel von der Täuschung.

Wir fassen bis hierher in einer möglichen, aber nicht zwingenden, gleichwohl häufig formulierten Interpretation zusammen:

 

Geht es also im Roman vornehmlich um den Lebensprozess, der als solcher keine Schuld kennt und für keinen Sinn verantwortlich ist? Und steht hinter allem das „Gesetz“ des Lebens, sein Sinn und wesentlicher Inhalt, zu dem K. nicht durchdringt? Geht K. auf Grund dieses Gesetzes mit sich selbst „ins Gericht“

„Ich wollte immer mit zwanzig Händen in die Welt hineinfahren und überdies zu einem nicht zu billigenden Zweck. Das war unrichtig, soll ich nun zeigen, daß nicht einmal der einjährige Proceß mich belehren konnte?“ (S. 238, Z. 35 ff).

 

Methodisch kann die Parabel so angegangen werden, dass die Schülerinnen und Schüler zunächst einmal gefragt werden, wovon die Parabel handelt. Die meisten werden den Mann vom Lande, den Türhüter oder das Gesetz nennen. In Wahrheit „handelt“ die Parabel von einer Täuschung.

Als nächster Schritt (oder als vorangehende Hausaufgabe) könnte der Auftrag folgen, die Parabel zu zeichnen. Die Schülerarbeiten werden (evtl. in Verbindung mit den folgenden Zeichnungen von Profis) Gelegenheit zur Diskussion und zum genauen Vergleich mit dem Text bieten.

 

Diese Parabel selbst ist wiederum nur die Einleitung zu den Schriften des Gesetzen, steht also kommentierend außerhalb davon. Und sie handelt nicht von dem Gesetz, sondern von der Täuschung darüber, sie erklärt also dessen Unverständlichkeit. Da es aber eine Parabel ist, erklärt sie nicht einmal wirklich, sondern spiegelt diese Täuschung nur in einem vieldeutigen, sich wie in vielen Spiegeln brechenden Text – der übrigens vor dem Gesetz sich abspielt; die Innenräume, um die es geht und zu denen der Mann von Lande vordringen möchte, werden thematisiert, aber nicht erhellt. Das Gespräch darüber verdunkelt diese, wie die Kerze im Dom das Heiligenbild verdunkelt. Dies beginnt schon mit dessen erstem Satz. Nicht der Mann vom Lande ist wichtig, sondern ein Hindernis. Dieses, der Türhüter, steht auch am Anfang des zweiten Satzes und dominiert ihn.

Warum versucht es der Mann nicht, den Türhüter zu überwinden? Was kann schlimmer sein als sein todbringendes Warten vor dem Gesetz?

Was „er-wartet“ der naive Mann vom Lande von dem Gesetz? Er denkt, die Tatsache, dass es einen Zugang, einen Eintritt, gibt, bedeute gleichzeitig auch die Erlaubnis einzutreten. Dies ist aber „jetzt“ nicht möglich, allenfalls vielleicht (!) „später“ (S. 226, Z. 7): „Richtiges Auffassen einer Sache und Mißverstehen der gleichen Sache schließen einander nicht vollständig aus“ (S. 229, Z. 20 ff). Genau das geschieht hier: Der Eintritt in die – wie auch immer geartete – Erkenntnis ist dem Lebenden nicht möglich („Wahrheit ist unteilbar, wer sie erkennen will, muss Lüge sein“). Der Sterbende erkennt indessen „im Dunkel einen Glanz, der unverlöschlich aus der Türe des Gesetzes bricht“ (S. 227, Z. 13 f). Der Mann vom Lande kann nicht außer-sich-sein, er ist genauso in sich gefangen wie Josef K. es bei seinem Versuch ist, seinen Prozess zu verstehen. Ein Mensch hat nicht die Fähigkeit zur autonomen Entscheidung und bekennt sich unbewusst zu seinen unsichtbaren Fesseln. Am Ende der Parabel gewinnt das Gesetz eine individuelle Signatur, die Josef K. indessen nicht versteht und die er nicht auf sich selbst und seine Situation beziehen kann. Das Leben des Mannes vom Lande kulminiert schließlich in einer letzten Frage: Wie kommt es, daß in den vielen Jahren niemand außer mir Einlaß verlangt hat“ (S. 227, Z. 23 f.). Die Antwort des Türhüters verweist den Mann zurück auf sich selbst: Es ging um seinen höchsteigenen Eingang in das Gesetz. Dieses ist aber nichts außerhalb von ihm Stehendes, sondern ein Teil seiner selbst, etwas in ihn Hineinwirkendes, ihn Bestimmendes – genauso eben, wie der Prozess in Josef K. wirkt und agiert, ohne dass dieser ihn zunächst wahrnehmen will, wobei er ihm aber doch immer nachgibt. (Und ebenso kann Gregor Samsa sein Käfersein nicht abschütteln, aber auch nicht wirklich erkennen.) Der Eingang ist also offen während des Daseins, aber es ist eben nicht wirklich ein Eingang in das Gesetz, sondern in den Mann, und am Ende wird er genauso geschlossen, wie das zweimal im Herzen gedrehte Messer das Leben Josef K.s beschließt.

 

Der Mann vom Lande zeigt die Verhaltensweisen Josef K.s, indem er überlegt und schlussfolgert („also“, S. 226, Z. 7). Genauso reagiert K., nachdem er die Geschichte gehört hat. Die Überlegungen gehen aber in eine falsche Richtung: „Richtiges Auffassen einer Sache und Missverstehen der gleichen Sache schließen einander nicht vollständig aus“ (229). Genau dies zeigt sich in der unterschiedlichen Exegese der Schrift. Während und weil Josef K. die Sache nach seinem bisherigen Verständnis von Sprache, Gesetz, Schuld, Ethik etc. betrachtet, missversteht er den eigentlichen Sinn, der darin besteht, nicht verstanden und mithin auch nicht erklärt werden zu können. Die Fragen K.s führen nicht zum Verständnis – vielleicht, weil sie ein tieferes eigenes, selbstständiges Eindringen in die Sache verhindern. Wiederum ähnelt dies der Wirkung der Kerze: Die Fragen verhindern das Verständnis – oder vielmehr: das Erahnen – der Zusammenhänge; sie verdunkeln statt zu erhellen.

Früher begriff ich nicht, warum ich auf meine Frage keine Antwort bekam, heute begreife ich nicht, wie ich glauben konnte, fragen zu können. Aber ich glaubte ja gar nicht, ich fragte nur.
aus: Betrachtungen über Sünde, Leid, Hoffnung und den wahren Weg. F.K.: Das Werk 2001 VerlagFft/M, 2004, S. 630 ff

Der Geistliche (und das müsste im Unterricht erarbeitet werden!) spricht relativierend immer nur von den Erklärern der Schrift und spricht vornehmlich im Konjunktiv: „Man könnte fast sagen“ (228) oder relativiert die Aussagen durch Wendungen wie „es scheint“, „es heißt“ (228)  oder gibt „Meinungen“ wieder (230). Häufig finden sich auch Indefinitpronomina wie „manche“ oder „man“ (230). Er betrachtet die Eigentümlichkeit des Gesetzes als Beleg für dessen Faktizität.

Diese Elemente sind in einem oder mehreren kürzeren Arbeitsaufträgen (EA) von den Schülerinnen und Schülern zu erarbeiten: Sie markieren Verben des Meinens und Spekulierens, die Verwendung des Konjunktivs, untersuchen den Text auf das Vorkommen bestimmter Wortarten, die die Aussagen verwässern, unbestimmt machen oder als subjektiv und damit zweifelhaft kennzeichnen (vgl. MK 4). Daneben ist herauszuarbeiten, wie der Geistliche einerseits völlig logisch argumentiert, dabei aber durchweg im Nebulösen bleibt und wie demnach die Logik eher ins Abseits als ins Ziel führt. Und schließlich ist zu untersuchen, was K. versteht und was nicht – bzw. warum er vieles missverstehen muss.

K. geht nämlich weiterhin von seiner Deutung aus, er lernt nichts hinzu, sieht weiterhin keine zwei Schritte weit, es bleibt auch dunkel um ihn. Wenn der Geistliche zwischen Wahrheit und Notwendigkeit unterscheidet (S. 233, Z. 25), so ist dies seinen Ausführungen zufolge nur logisch, zumal er formuliert „Man muss nicht alles für wahr halten“ und nicht etwa „Es ist“, denn er sagt damit nur, dass die Wahrheit nicht zu erkennen ist (Man vergleiche damit wiederum Kafkas Aphorismus: „Wahrheit ist unteilbar, kann sich also nicht selbst erkennen. wer sie erkennen will, muss Lüge sein.“). Und wenn der Geistliche eine Schlussfolgerung mit „also“ bringt, dient dies nicht der Klärung eines Sachverhalts, sondern der Verwirrung: „Ich gehöre also zum Gericht [ ... ] Warum sollte ich also etwas von Dir wollen? Das Gericht will nichts von Dir. Es nimmt Dich auf, wenn Du kommst und es entlässt Dich wenn Du gehst“ (235). K. sagt daraufhin nichts und hier könnte man die Schülerinnen und Schüler in der typischen personalen Erzählhaltung K.s Überlegungen auf seiner Fahrt nach Hause entwerfen lassen: Lernt er jetzt etwas? – Immerhin zeigt ihn das letzte Kapitel insofern als einen Veränderten, als er nun sein Schicksal anzunehmen bzw. geradezu heraufzubeschwören scheint, weil er schwarz gekleidet (wogegen er sich im ersten Kapitel vehement wehrt) die Männer erwartet, die ihn abholen werden – und zwar ohne eine entsprechende Vorankündigung erhalten zu haben. Es scheint geradezu, als kämen die beiden Herren wiederum bloß, weil K. sie erwartet.

 

 

Im Kapitel „Im Dom“ zitiert Kafka gewissermaßen wiederum sich selbst und Josef K. wird endgültig zu einer Art Identifikationsfigur des (vielleicht nur imaginierten) Lesers, dem die Vielfalt der Deutungsmöglichkeiten und – daraus folgend – letztendlich die Unmöglichkeit einer Deutung vorgeführt werden. Die Parabel stellt die Problematik des Romans in starker Kondensierung dar. Sie bedarf der Auslegung – einer Auslegung freilich, die den Rezipienten nicht befriedigt und die seine Erwartungen nicht erfüllt, die aber im Sinne der Textintention schlüssig und umfassend ist. K. (und wohl auch der Leser) versteht die Parabel zunächst nicht richtig, obwohl K. sich sehr von ihr angesprochen fühlt – wiederum wie der Leser von Kafkas Texten. Und durch die Erläuterungen des Geistlichen wird die in der Parabel dargestellte Grundstruktur des Prozesses zur Erklärung (freilich zur negativen Erklärung) des Romangeschehens – ohne dass K. (ebenso wenig wie der Leser!) dies jedoch begreifen würde. Dabei ist diese Zitation durchaus im doppelten Sinne zu verstehen: Zum einen wird die Türhüter-Parabel (die eigentlich eine Parabel über eine Täuschung ist) in der Situation K.s im Dom dupliziert. So, wie der Mann vom Lande, der Unbedarfte, der sich – wie der Ich-Erzähler in Gibs auf – noch nicht sehr gut auskennt, zu dem Türhüter kommt, so kommt K. in den Dom und wird vom Geistlichen belehrt. Seine Versuche, dadurch in seinem Prozess weiterzukommen, scheitern an seinem zwangsläufigen Unwissen über die wirklichen Zusammenhänge. Er kommt ebenso wenig weiter wie der Mann vom Lande.

Zum zweiten ergeht es dem Leser ebenso wie dem Mann vom Lande: Auch er wird vom Text und den gegebenen Erklärungsmustern allein gelassen; er erfährt nicht, was er zu erfahren trachtet. Wiederum ist das Werk als selbstreferentiell zu bezeichnen.

 

Kafkas Texte kreisen um die Aporie des Erkennens und des Formulierens von Gültigem. Ein Ziel scheint klar, doch es erweist sich aus verschiedenen Gründen als unerreichbar. „Es gibt ein Ziel, aber keinen Weg; was wir Weg nennen, ist Zögern. („Betrachtungen“, 26) Ein Sinn des Lebens bleibt unklar, unsichtbar und so ist denn auch Kunst nicht ein Abbild von Wirklichkeit, sondern nur eine verzerrte Darstellung der Unmöglichkeit, Wirklichkeit abzubilden:

Unsere Kunst ist ein von der Wahrheit Geblendetsein: Das Licht auf dem zurückweichenden Fratzengesicht ist wahr, sonst nichts („Betrachtungen“, 63).

Eine Erkenntnis von Wahrheit ist nicht möglich, denn nichts kann sich aus sich selbst heraus erkennen, weil alle Erkenntnis dadurch zwangsläufig subjektiv sein muss und damit „nicht wahr“ sein kann. Also ließe sich Wahrheit theoretisch nur von außen erkennen, was aber wiederum natürlich nicht geht, weil sie somit der Lüge entspränge. Genau jener Aporie sieht sich der „Mann vom Lande“ ausgesetzt, der vergeblich vor dem Gesetz auf Einlass wartet. Josef K. ist in der gleichen Situation, doch er erkennt die Ausweglosigkeit nicht und scheitert letztendlich genau daran.

 

Wer etwas von Kafkas Werk verstehen will, muss zunächst verstehen, dass er nichts verstehen soll. Kafka selbst sagt in einem Brief an Milena:

„Ich suche immerfort etwas Nicht-Mitteilbares mitzuteilen, etwas Unerklärbares zu erklären, von etwas zu erzählen, was ich in den Knochen habe und was nur in diesen Knochen erlebt werden kann.“ (aus: F. K., Die Briefe, Zweitausendeins Verlag, Frankfurt, 2005, S. 1081 f.)

 

Literarischen Ausdruck findet dieser Satz insbesondere in Kafkas Parabel „Von den Gleichnissen“, die sich wie ein Substrat aus Kafkas selbstreferentiellen Texten liest.

Kafkas Selbstverständnis ergibt sich aus Sätzen wie dem eben zitierten und hat sich nirgendwo erschütternder geäußert als in einem Tagebucheintrag, der um die Entstehungszeit des „Proceß“ entstand:

 

Das Bild meiner Existenz […] gibt eine nutzlose, mit Schnee und Reif überdeckte, schief in den Erdboden leicht eingebohrte Stange auf einem bis in die Tiefe aufgewühlten Feld am Rande einer großen Ebene in einer dunklen Winternacht.

Tagebucheintrag vom  5. 12. 1914