Regionale Lehrerfortbildung 2006, Schwerpunktthemen Deutsch

Materialienteil: Reinhard Lindenhahn, StD

 

 

Einführende Texte

Gibs auf!

 

Es war sehr früh am Morgen, die Straßen rein und leer, ich ging zum Bahnhof. Als ich eine Turmuhr mit meiner Uhr verglich, sah ich, dass es schon viel später war, als ich geglaubt hatte, ich mußte mich sehr beeilen, der Schrecken über diese Entdeckung ließ mich im Weg unsicher werden, ich kannte mich in dieser Stadt noch nicht sehr gut aus, glücklicherweise war ein Schutzmann in der Nähe, ich lief zu ihm und fragte ihn atemlos nach dem Weg. Er lächelte und sagte: „Von mir willst du den Weg erfahren?“ „Ja“, sagte ich, „da ich ihn selbst nicht finden kann.“ „Gibs auf, gibs auf“, sagte er und wandte sich mit einem großen Schwunge ab, so wie Leute, die mit ihrem Lachen allein sein wollen.

 

Kleine Fabel

„Ach“, sagte die Maus, „die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, dass ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, als ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, dass ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.“ – „Du musst nur die Laufrichtung ändern“, sagte die Katze und fraß sie.

 

Tagebucheinträge Kafkas

(alle zit. nach: F.K.: Tagebücher, Zweitausendeins-Verlag, Fft./ M., 2005

 

20.8.1912

Fräulein F. B. Als ich am 13. August zu Brod kam, saß sie bei Tische und kam mir doch wie ein Dienstmädchen vor. Ich war auch gar nicht neugierig darauf, wer sie war, sondern fand mich sofort mit ihr ab. Knochiges leeres Gesicht, das seine Leere offen trug. Freier Hals. Überworfene Bluse. Sah ganz häuslich angezogen aus, trotzdem sie es, wie sich später zeigte, gar nicht war. (Ich ent­fremde ihr ein wenig dadurch, dass ich ihr so nahe an den Leib gehe. Allerdings in was für einem Zustand bin ich jetzt, allem Guten in der Gesamtheit entfremdet, und glaube es überdies noch nicht. Wenn mich heute bei Max die literarischen Nachrich­ten nicht zu sehr zerstreuen, werde ich noch die Geschichte von dem Blenkelt zu schreiben versuchen. Sie muss nicht lang sein, aber treffen muss sie mich.) Fast zerbrochene Nase, blondes, etwas steifes, reizloses Haar, starkes Kinn. Während ich mich setzte, sah ich sie zum erstenmal genauer an, als ich saß, hatte ich schon ein unerschütterliches Urteil. Wie sich …

S. 233 f.

 

1913

4. Mai.

Immerfort die Vorstellung eines breiten Selchermessers, das eiligst und mit mechanischer Regelmäßigkeit von der Seite her in mich hineinfährt und ganz dünne Querschnitte losschneidet, die bei der schnellen Arbeit fast eingerollt davonfliegen.

An einem frühen Morgen, die Gassen waren noch leer weit und breit, öffnete ein Mann, er war bloßfüßig und nur mit Nachthemd und Hose bekleidet, das Tor eines großen Mietshauses in der Hauptstraße. Er hielt beide Türflügel fest und atmete tief. »Du Jammer, du verfluchter Jammer«, sagte er und sah scheinbar ruhig zuerst die Straße entlang, dann über einzelne Häuser hin. Verzweiflung also auch von hier aus. Nirgends Aufnahme.

S. 250

11. Dezember.

In der Töynbeehalle den Anfang von »Michael Kohlhaas« gelesen. Ganz und gar misslungen. Schlecht ausgewählt, schlecht vorgetragen, schließlich sinnlos im Text herumgeschwommen. Musterhafte Zuhörerschaft. Ganz kleine Jungen in der ersten Reihe. Einer sucht seiner unschuldigen Langeweile da­durch beizukommen, dass er die Mütze vorsichtig auf den Boden wirft und dann vorsichtig aufhebt und so öfters. Da er zu klein ist, um das vom Sitz auszuführen, muss er immer ein wenig vom Sessel sich abgleiten lassen. Wild und schlecht und unvorsichtig und unverständlich gelesen. Und am Nachmittag zitterte ich schon vor Begierde, zu lesen, konnte kaum den Mund geschlossen halten.

S. 280

12. Dezember. […]

Im Spiegel sah ich mich vorhin genau an und kam mir im Ge­sicht – allerdings nur bei Abendbeleuchtung und der Lichtquelle hinter mir, so dass eigentlich nur der Flaum an den Rändern der Ohren beleuchtet war – auch bei genauer Untersuchung besser vor, als ich nach eigener Kenntnis bin. Ein klares, übersichtlich gebildetes, fast schön begrenztes Gesicht. Das Schwarz der Haare, der Brauen und der Augenhöhlen dringt wie Leben aus der übri­gen abwartenden Masse. Der Blick ist gar nicht verwüstet, davon ist keine Spur, er ist aber auch nicht kindlich, eher unglaublicherweise energisch, aber vielleicht war er nur beobachtend, da ich mich eben beobachtete und mir Angst machen wollte.

S. 280 f.

 

1914

13.2.

[…] Träume:

In Berlin, durch die Straßen, zu ihrem Haus, das ruhige glückliche Bewußtsein, ich bin zwar noch nicht bei ihrem Haus, habe aber die leichte Möglichkeit, hinzukommen, werde bestimmt hinkommen. Ich sehe die Straßenzüge, an einem weißen Haus eine Aufschrift, etwa »Die Prachtsäle des Nordens« (gestern in der Zeitung gelesen), im Traum hinzugefügt »Berlin W«. Frage einen leutseligen rotnasigen alten Schutzmann, der in einer Art Dieneruniform diesmal steckt. Bekomme überausführliche Aus­kunft, sogar ein Geländer einer kleinen Rasenanlage in der Ferne wird mir gezeigt, an das ich der Sicherheit halber mich anhalten soll, wenn ich vorüberkomme. Dann Ratschläge, betreffend die Elektrische, die Untergrundbahn usw. Ich kann nicht mehr fol­gen und frage erschrocken, wohl wissend, daß ich die Entfernung unterschätze: »Das ist wohl eine halbe Stunde weit?« Er aber, der alte Mann, antwortet: »Ich bin dort in sechs Minuten.« Die Freude! Irgendein Mann, ein Schatten, ein Kamerad begleitet mich immer, ich weiß nicht, wer es ist. Habe förmlich keine Zeit, mich umzudrehn, mich seitwärts zu wenden.

Wohne in Berlin in irgendeiner Pension, in der scheinbar lau­ter junge polnische Juden wohnen; ganz kleine Zimmer. Ich verschütte eine Wasserflasche. Einer schreibt unaufhörlich auf einer kleinen Schreibmaschine, wendet kaum den Kopf, wenn man um etwas bittet. Keine Karte von Berlin aufzutreiben. Immer sehe ich in der Hand eines ein Buch, das einem Plan ähnlich ist. Immer zeigt sich, daß er etwas ganz anderes enthält, ein Verzeichnis der Berliner Schulen, eine Steuerstatistik oder etwas Derartiges. Ich will es nicht glauben, aber man weist es mir lächelnd ganz zwei­fellos nach.

S. 294 f.

 

 

23 Juli.

Der Gerichtshof im Hotel. Die Fahrt in der Droschke. Das Gesicht Es. Sie fährt mit den Händen in die Haare, gähnt. Rafft sich plötzlich auf und sagt gut Durchdachtes, lange Be­wahrtes, Feindseliges. Der Rückweg mit Fräulein Bl. Das Zim­mer im Hotel, die von der gegenüberliegenden Mauer reflektierte Hitze. Auch von den sich wölbenden Seitenmauern, die das tiefliegende Zimmerfenster einschließen, kommt Hitze. Überdies Nachmittagssonne. Der bewegliche Diener, fast ostjüdisch. Lärm im Hof, wie in einer Maschinenfabrik. Schlechte Gerüche. Die Wanze. Schwerer Entschluss, sie zu zerdrücken. Stubenmädchen staunt: es sind nirgends Wanzen, nur einmal hat ein Gast auf dem Korridor eine gefunden.

Bei den Eltern. Vereinzelte Tränen der Mutter. Ich sage die Lektion auf. Der Vater erfasst es richtig von allen Seiten. Kam eigens meinetwegen von Malmö, Nachtreise, sitzt in Hemdärmeln. Sie geben mir recht, es lässt sich nichts oder nicht viel gegen mich sagen. Teuflisch in aller Unschuld. Scheinbare Schuld des Fräulein Bl.

Abends allein auf einem Sessel unter den Linden. Leibschmerzen. Trauriger Kontrolleur. Stellt sich vor die Leute, dreht die Zettel in der Hand und lässt sich nur durch Bezahlung fortschaffen. Verwaltet sein Amt trotz aller scheinbaren Schwerfälligkeit sehr richtig, man kann bei solcher Dauerarbeit nicht hin- und herfliegen, auch muss er sich die Leute zu merken versuchen. Beim An­blick solcher Leute immer diese Überlegungen: Wie kam er zu dem Amt, wie wird er bezahlt, wo wird er morgen sein, was erwartet ihn im Alter, wo wohnt er, in welchem Winkel streckt er vor dem Schlaf die Arme, könnte ich es auch leisten, wie wäre mir zumute? Alles unter Leibschmerzen. Schreckliche, schwer durchlittene Nacht. Und doch fast keine Erinnerung an sie.

Im Restaurant Belvedere, an der Stralauer Brücke mit E. Sie hofft noch auf einen guten Ausgang oder tut so. Wein getrunken. Tränen in ihren Augen. Schiffe gehn nach Grünau, nach Schwertau ab. Viele Menschen. Musik. E. tröstet mich, ohne dass ich traurig bin, das heißt ich bin bloß über mich traurig und darin trostlos. Schenkt mir »Gotische Zimmer«. Erzählt viel (ich weiß nichts). Besonders wie sie sich im Geschäft durchsetzt gegenüber einer alten giftigen weißhaarigen Kollegin. Sie wollte am liebsten von Berlin weg, selbst ein Unternehmen haben. Sie liebt die Ruhe. Als sie in Sebnitz war, hat sie öfters den Sonntag durchge­schlafen. Kann auch lustig sein. – Auf dem andern Ufer Marinehaus. Dort hatte schon der Bruder eine Wohnung gemietet.

Warum haben mir die Eltern und die Tante so nachgewinkt? Warum saß F. im Hotel und rührte sich nicht, trotzdem alles schon klar war? Warum telegraphierte sie mir: »Erwarte dich, muss aber Dienstag geschäftlich verreisen.« Wurden von mir Leistungen erwartet? Nichts wäre natürlicher gewesen. Von nichts (unterbrochen von Dr. Weiß, der ans Fenster tritt) ...

S. 333 f.

 

29. Juli.

Josef K., der Sohn eines reichen Kaufmanns, ging eines Abends nach einem großen Streit, den er mit seinem Vater gehabt hatte – der Vater hatte ihm sein liederliches Leben vorgeworfen und des­sen sofortige Einstellung verlangt –, ohne eine bestimmte Ab­sicht, nur in vollständiger Unsicherheit und Müdigkeit in das Haus der Kaufmannschaft, das von allen Seiten frei in der Nähe des Hafens stand. Der Türhüter verneigte sich tief. Josef sah ihn ohne Gruß flüchtig an. „Diese stummen untergeordneten Perso­nen machen alles, was man von ihnen voraussetzt“, dachte er. „Denke ich, dass er mich mit unpassenden Blicken beobachtet, so tut er es wirklich“. Und er drehte sich nochmals, wieder ohne Gruß, nach dem Türhüter um; dieser wandte sich zur Straße und sah zum wolkenbedeckten Himmel auf.

S. 338

 

5. Dezember 1914

Ein Brief von E. über die Lage ihrer Familie. Mein Verhältnis zu der Familie bekommt für mich nur dann einen ein­heitlichen Sinn, wenn ich mich als das Verderben der Familie auffasse. Es ist die einzige organische, alles Erstaunliche glatt überwindende Erklärung, die es gibt. Es ist auch die einzige tä­tige Verbindung, die augenblicklich von mir aus mit der Familie besteht, denn im übrigen bin ich gefühlsmäßig gänzlich von ihr abgetrennt, allerdings nicht durchgreifender als vielleicht von der ganzen Welt. (Ein Bild meiner Existenz in dieser Hinsicht gibt eine nutzlose, mit Schnee und Reif überdeckte, schief in den Erdboden leicht eingebohrte Stange auf einem bis in die Tiefe aufgewühlten Feld am Rande einer großen Ebene in einer dunk­len Winternacht.) Nur das Verderben wirkt. Ich habe F. un­glücklich gemacht, die Widerstandskraft aller, die sie jetzt so be­nötigen, geschwächt, zum Tode des Vaters beigetragen, F. und E. auseinandergebracht und schließlich auch E. unglücklich ge­macht, ein Unglück, das aller Voraussicht nach noch fortschrei­ten wird. Ich bin davor gespannt und bestimmt, es vorwärtszu­bringen. Meinen letzten Brief an sie, den ich mir abgequält habe, hält sie für ruhig; er »atmet so viel Ruhe«, wie sie sich ausdrückt. Hiebei ist es allerdings nicht ausgeschlossen, daß sie sich aus Zartgefühl, aus Schonung, aus Sorge um mich so ausdrückt. Ich bin ja innerhalb des Ganzen genügend bestraft, schon meine Stellung zu der Familie ist Strafe genug, ich habe auch derartig gelitten, daß ich mich davon niemals erholen werde (mein Schlaf, mein Gedächtnis, meine Denkkraft, meine Widerstandskraft gegen die winzigsten Sorgen sind unheilbar geschwächt, sonder­barerweise sind das etwa die gleichen Folgen, wie sie lange Ge­fängnisstrafen nach sich ziehn), aber augenblicklich leide ich wenig durch meine Beziehung zu der Familie, jedenfalls weniger als F. oder E. Etwas Quälendes liegt allerdings darin, daß ich jetzt mit E. eine Weihnachtsreise machen soll, während F. etwa in Berlin bleibt.

S. 364 f.


24.1. 1915

Mit E in Bodenbach. Ich glaube, es ist unmöglich, daß wir uns jemals vereinigen, wage es aber weder ihr [Anm.: Felice Bauer] noch im entscheidenden Augenblick mir zu sagen. So habe ich sie wieder vertröstet, unsinnigerweise, denn jeder Tag macht mich älter und verknöcherter. Es kommen die alten Kopfschmerzen zurück, wenn ich es zu fassen versuche, daß sie gleichzeitig leidet und gleichzeitig ruhig und fröhlich ist. Durch viel Schreiben dürfen wir einander nicht wieder quälen, am besten, diese Zusammen­kunft als etwas Vereinzeltes übergehn; oder glaube ich vielleicht daran, daß ich mich hier frei machen, vom Schreiben leben, ins Ausland oder sonstwohin fahren und dort mit F. heimlich leben werde? Wir haben uns ja auch sonst ganz unverändert gefunden. Jeder sagt es sich im stillen, daß der andere unerschütterlich und erbarmungslos ist. Ich lasse nichts nach von meiner Forderung nach einem phantastischen, nur für meine Arbeit berechneten Leben, sie will, stumpf gegen alle stummen Bitten, das Mittelmaß, die behagliche Wohnung, Interesse für die Fabrik, reichliches Essen, Schlaf von elf Uhr abends an, geheiztes Zimmer, stellt meine Uhr, die seit einem viertel Jahr um eineinhalb Stunden vorausgeht, auf die wirkliche Minute ein. Und sie behält recht und würde weiterhin recht behalten, sie hat recht, wenn sie mich zurechtweist, als ich dem Kellner sage: »Bringen Sie die Zeitung, bis sie ausgelesen ist«, und ich kann nichts richtigstellen, als sie von der »persönlichen Note« (es läßt sich nicht anders als knarrend aussprechen) der erwünschten Wohnungseinrichtung spricht. […]

 

Briefe Kafkas

(alle zit. nach: F.K.: Die Briefe, Zweitausendeins-Verlag, Fft./ M., 2005

 

Brief an Max Brod vom 28.8. 1904

Wenn wir nun ganz enttäuscht würden, so wäre es zwar für uns betrübend, aber doch wieder wie eine Erhörung unseres täglichen Gebetes, die Folgerich­tigkeit unseres Lebens möge der äußern Erscheinung nach uns gnädigst erhalten bleiben.

Wir werden aber nicht enttäuscht, diese Jahreszeit, die nur ein Ende, aber keinen Anfang hat, bringt uns in einen Zustand, der uns so fremd und natürlich ist, daß er uns ermorden könnte.

Wir werden förmlich von einer wehenden Luft nach ihrem Belieben getragen und es muß nicht ohne Scherzhaftigkeit sein, wenn wir uns im Luftzug an die Stirne greifen oder uns durch gesprochene Worte zu beruhigen suchen, die dünnen Fingerspitzen an die Knie gepreßt. Während wir sonst bis zu einem ge­wissen Maße höflich genug sind, von einer Klarheit über uns nichts wissen zu wollen, geschieht es jetzt, daß wir sie mit einer gewissen Schwäche suchen, frei­lich in der Weise, mit der wir zum Spaße so tun, als wollten wir mit Anstren­gung kleine Kinder fangen, die langsam vor uns trippeln. Wir durchwühlen uns wie ein Maulwurf und kommen ganz geschwärzt und sammethaarig aus unsern verschütteten Sandgewölben, unsere armen roten Füßchen für zartes Mitleid emporgestreckt.

Bei einem Spaziergang ertappte mein Hund einen Maulwurf, der über die Straße laufen wollte. Er sprang immer wieder auf ihn und ließ ihn dann wieder los, denn er ist noch jung und furchtsam. Zuerst belustigte es mich und die Auf­regung des Maulwurfs besonders war mir angenehm, der geradezu verzweifelt und umsonst im harten Boden der Strafre ein Loch suchte. Plötzlich aber als der Hund ihn wieder mit seiner gestreckten Pfote schlug, schrie er auf. Ks, kss so schrie er. Und da kam es mir vor – Nein es kam mir nichts vor. Es täuschte mich bloß so, weil mir an jenem Tag der Kopf so schwer herunterhing, daß ich am Abend mit Verwunderung bemerkte, daß mir das Kinn in meine Brust hinein­gewachsen war. Aber am nächsten Tag hielt ich meinen Kopf wieder hübsch auf­recht. Am nächsten Tag zog sich ein Mädchen ein weißes Kleid an und verliebte sich dann in mich. Sie war sehr unglücklich darüber und es ist mir nicht gelun­gen, sie zu trösten, wie das eben eine schwere Sache ist. Als ich an einem andern Tage nach einem kurzen Nachmittagsschlaf die Augen öffnete, meines Lebens noch nicht ganz sicher, hörte ich meine Mutter in natürlichem Ton vom Balkon hinunterfragen: »Was machen Sie?« Eine Frau antwortete aus dem Garten: »Ich jause im Grünen.« Da staunte ich über die Festigkeit, mit der die Menschen das Leben zu tragen wissen. An einem andern Tage freute ich mich mit einem ge­spannten Schmerz über die Erregung eines Tages, der bewölkt war. Dann war eine verblasene Woche oder zwei oder noch mehr. Dann verliebte ich mich in eine Frau. Dann tanzte man einmal im Wirtshaus und ich ging nicht hin. Dann war ich wehmütig und sehr dumm, so daß ich stolperte auf den Feldwegen, die hier sehr steigend sind. Dann einmal las ich in Byrons Tagebüchern diese Stelle (Ich schreibe sie in dieser beiläufigen Art, weil das Buch schon eingepackt ist): »Seit einer Woche habe ich mein Haus nicht verlassen. […]

S. 26


Brief an Felice Bauer vom 30.9. oder 1.10. 1917

 

Liebste Felice, vorgestern kam ein Brief von Dir. Wie, schon ein Brief, fragte ich mich, und las ihn lange nicht. Dann aber war es nur ein Brief vom 11. September, in dem Du unbestimmt von der Möglichkeit Deiner Reise sprachst und der nur deshalb so lange herumgewandert war, weil Du zu Flöhau Mähren statt Böhmen geschrieben hattest. Dadurch erklärt sich auch mein damaliges scheinbares Nichtantworten.

Heute aber, Sonntag, kamen Deine Briefe vom 24. und 26. Sept., sie kamen früh, ich öffnete sie nicht (auch ein fremder Brief war dabei und blieb uneröffnet), tagsüber war dann die Mutter hier (sie erzählte, sie habe Dich gefragt, ob ich schon in besserer Laune wäre und Du habest gesagt, das hättest Du nicht bemerkt), aber auch abends wollte ich die Briefe noch nicht lesen, sondern Dir zuerst zum Aufatmen, zu meinem Aufatmen einen Brief schreiben, der unabhängig wäre von dem, was in Deinen Briefen stand. Schließlich aber nahm ich die Briefe doch vor.

Es steht in ihnen, was dort stehn mußte und was mich so beschämt, wie Du es nur begreifen könntest, wenn Du nicht das tun müßtest, was Du tust, und nicht so sein müßtest, wie Du bist. So wie Du mich diesmal gesehen hast, habe gleichzeitig auch ich mich gesehn, nur schärfer noch, seit langer Zeit und des­halb kann ich Dir den Anblick erklären:

Daß zwei in mir kämpfen, weißt Du. Daß der bessere der zwei Dir gehört, daran zweifle ich gerade in den letzten Tagen am wenigsten. Über den Verlauf des Kampfes bist Du ja durch 5 Jahre durch Wort und Schweigen und durch ihre Mischungen unterrichtet worden, meistens zu Deiner Qual. Fragst Du mich, ob es immer wahrhaftig war, kann ich nur sagen, daß ich keinem Menschen gegenüber bewußte Lügen so stark zurückgehalten habe oder, um noch genauer zu sein, stärker zurückgehalten habe als gegenüber Dir. Verschleierungen gab es manche, Lügen sehr wenig, vorausgesetzt, daß es überhaupt »sehr wenig« Lügen geben kann. Ich bin ein lügnerischer Mensch, ich kann das Gleichgewicht nicht anders halten, mein Kahn ist sehr brüchig. Wenn ich mich auf mein Endziel hin prüfe, so ergibt sich, daß ich nicht eigentlich da­nach strebe, ein guter Mensch zu werden und einem höchsten Gericht zu entsprechen, sondern, sehr gegensätzlich, die ganze Menschen- und Tiergemeinschaft zu überblicken, ihre grundlegenden Vorlieben, Wünsche, sittlichen Ideale zu erkennen, sie auf einfache Vorschriften zurückzuführen, und mich in dieser Richtung möglichst bald dahin zu entwickeln, daß ich durchaus allen wohlgefällig würde, und zwar (hier kommt der Sprung) so wohlgefällig, daß ich, ohne die allgemeine Liebe zu verlieren, schließlich, als der einzige Sünder, der nicht gebraten wird, die mir innewohnenden Gemeinheiten offen, vor aller Augen, ausführen dürfte. Zusammengefaßt kommt es mir also nur auf das Menschengericht an und dieses will ich überdies betrügen, aller­dings ohne Betrug.

Wende dies auf unsern Fall an, der kein beliebiger ist, vielmehr mein eigent­lich repräsentativer Fall. Du bist mein Menschengericht. Diese zwei, die in mir kämpfen, oder richtiger, aus deren Kampf ich bis auf einen kleinen gemarterten Rest bestehe, sind ein Guter und ein Böser; zeitweilig wechseln sie diese Masken, das verwirrt den verwirrten Kampf noch mehr; schließlich aber konnte ich, bei Rückschlägen bis in die allerletzte Zeit doch glauben, daß es zu dem Unwahrscheinlichsten (das Wahrscheinlichste wäre: ewiger Kampf), das dem letzten Gefühl doch immer als etwas Strahlendes erschien, kommen werde und ich, kläglich, elend geworden durch die Jahre, endlich Dich haben darf.

Plötzlich zeigt sich, daß der Blutverlust zu stark war. Das Blut, das der Gute (jetzt heißt er uns Guter) vergießt, um Dich zu gewinnen, nützt dem Bösen. Dort wo der Böse, wahrscheinlich oder vielleicht, aus eigener Kraft nichts entscheidend Neues mehr zu seiner Verteidigung gefunden hätte, wird ihm dieses Neue vom Guten geboten. Ich halte nämlich diese Krankheit im geheimen gar nicht für eine Tuberkulose, oder wenigstens zunächst nicht für eine Tuberkulose, sondern für meinen allgemeinen Bankrott. Ich glaubte, es ginge noch weiter und es ging nicht. - Das Blut stammt nicht aus der Lunge, sondern aus dem oder aus einem entscheidenden Stich eines Kämpfers.

Dieser eine hat nun an der Tuberkulose eine Hilfe, so riesengroß etwa, wie ein Kind an den Rockfalten der Mutter. Was will der andere noch? Ist der Kampf nicht glänzend zuende gefochten? Es ist eine Tuberkulose und das ist der Schluß. Was bleibt dem andern übrig, als schwach, müde und in diesem Zu­stand Dir fast unsichtbar, hier in Zürau, an Deiner Schulter zu lehnen und ge­meinsam mit Dir, der Unschuld des reinen Menschen, verblüfft und trostlos, den großen Mann anzustaunen, der, nachdem er sich im Besitze der Liebe der Menschheit oder der ihm zugewiesenen Stellvertreterin fühlt, mit seinen scheußlichen Gemeinheiten beginnt. Es ist eine Verzerrung meines Strebens, das doch schon an sich Verzerrung ist. Frag nicht, warum ich eine Schranke ziehe. Demütige mich nicht so. Auf ein solches Wort hin, bin ich wieder zu Dei­nen Füßen. Nur sticht mir auch gleich wieder die wirkliche oder vielmehr weit vor ihr die angebliche Tuberkulose in die Augen und ich muß es lassen. Es ist eine Waffe, neben der die fast zahllosen früher verbrauchten, von der »körperlichen Unfähigkeit« bis zur »Arbeit« hinauf und bis zum »Geiz« hinunter in ihrer sparsamen Zweckhaftigkeit und Primitivität dastehn.

Im Übrigen sage ich Dir ein Geheimnis, an das ich augenblicklich selbst gar nicht glaube (trotzdem mich das bei Arbeitsversuchen und beim Denken rings um mich in der Ferne fallende Dunkel vielleicht überzeugen könnte), das aber doch wahr sein muß: ich werde nicht mehr gesund werden. Eben weil es keine Tuberkulose ist, die man in den Liegestuhl legt und gesund pflegt, sondern eine Waffe, deren äußerste Notwendigkeit bleibt, solange ich am Leben bleibe. Und beide können nicht am Leben bleiben.

S. 941 f.

 


Brief an Milena (1922)

[…] Sie fragen nach meiner Verlobung. Ich war zweimal (wenn man will, dreimal, nämlich zweimal mit dem gleichen Mädchen) verlobt, also dreimal nur durch paar Tage von der Ehe getrennt. Das erste ist ganz vorüber (es gibt da schon eine neue Ehe und auch einen kleinen Jungen, wie ich höre), das zweite lebt noch, aber ohne jede Aussicht auf Ehe, lebt also eigentlich nicht oder lebt vielmehr ein selbstständiges Leben auf Kosten der Menschen. Im ganzen habe ich hier und an­derswo gefunden, daß die Männer vielleicht mehr leiden oder, wenn man es so ansehn will, hier weniger Widerstandskraft haben, daß aber die Frauen immer ohne Schuld leiden und zwar nicht so, daß sie etwa »nichts dafür können«, sondern im eigentlichsten Sinn, der allerdings wieder vielleicht in das »nicht dafür können« mündet. Im Übrigen ist das Nachdenken über diese Dinge unnütz. Es ist so, wie wenn man sich anstrengen wollte, einen einzigen Kessel in der Hölle zu zerschlagen, erstens gelingt es nicht und zweitens, wenn es gelingt, verbrennt man zwar in der glühenden Masse, die herausfließt, aber die Hölle bleibt in ihrer ganzen Herrlichkeit bestehn. Man muß es anders anfangen.

Zunächst aber jedenfalls sich in einen Garten legen und aus der Krankheit, besonders wenn es keine eigentliche ist, so viel Süßigkeit ziehn, als nur möglich. Es ist viel Süßigkeit darin.

Ihr Franz K.

S. 950 f.


Brief an Oskar Pollack vom 27.1.1904

[…] Ich glaube, man sollte überhaupt nur sol­che Bücher lesen, die einen beißen und stechen. Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch? Damit es uns glücklich macht, wie Du schreibst; Mein Gott, glück­lich wären wir eben auch, wenn wir keine Bücher hätten, und solche Bücher, die uns glücklich machen, könnten wir zur Not selber schreiben. Wir brauchen aber die Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt, wie der Tod eines, den wir lieber hatten als uns, wie wenn wir in Wälder verstoßen würden, von allen Menschen weg, wie ein Selbstmord, ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. Das glaube ich.

Aber Du bist ja glücklich, Dein Brief glänzt förmlich, ich glaube, Du warst früher nur infolge des schlechten Umganges unglücklich, es war ganz natürlich, im Schatten kann man sich nicht sonnen. Aber daß ich an Deinem Glück schuld bin, das glaubst Du nicht. Höchstens so: Ein Weiser, dessen Weisheit sich vor ihm selbst versteckte, kam mit einem Narren zusammen und redete ein Weilchen mit ihm, über scheinbar fernliegende Sachen. Ab nun das Gespräch zu Ende war und der Narr nach Hause gehen wollte – er wohnte in einem Tau­benschlag –, fällt ihm da der andere um den Hals, küßt ihn und schreit: danke, danke, danke. Warum? Die Narrheit des Narren war so groß gewesen, daß sich dem Weisen seine Weisheit zeigte. –

Es ist mir, als hätte ich Dir ein Unrecht getan und müßte Dich um Verzeihung bitten. Aber ich weiß von keinem Unrecht.

Dein Franz

 


 

Link zu einer Word-Fassung des Texts, die sich eng an der Paginierung der Fischer-Ausgabe von Pasley orientiert.

Weitere Textausgabe mit guter Suchfunktion: http://www.imk98.de/