Regionale Lehrerfortbildung 2007, Schwerpunktthemen Deutsch

Reinhard Lindenhahn, StD
 

 

 

 

 

 

 

 

Materialien:


J. W. Goethe, Maifest (1771)

Wie herrlich leuchtet
Mir die Natur!
Wie glänzt die Sonne!
Wie lacht die Flur!

Es dringen Blüten
Aus jedem Zweig
Aud tausend Stimmen
Aus dem Gesträuch

Und Freud und Wonne
Aus jeder Brust
O Erd’, o Sonne,
O Glück, o Lust,

O Lieb’, o Liebe,
So golden schön
Wie Morgenwolken
Auf jenen Höhn,

Du segnest herrlich
Das frische Feld -
Im Blütendampfe
Die volle Welt!

O Mädchen, Mädchen,
Wie lieb’ ich dich!
Wie blinkt dein Auge,
Wie liebst du mich!

So liebt die Lerche
Gesang und Luft,
Und Morgenblumen
Den Himmelsduft,

Wie ich dich liebe
Mit warmem Blut,
Die du mir Jugend
Und Freud’ und Mut

Zu neuen Liedern
Und Tänzen gibst.
Sei ewig glücklich,
Wie du mich liebst.



J. W. Goethe (15. Junius 1775 aufm Zürichersee)

Ich saug an meiner Nabelschnur
Nun Nahrung aus der Welt.
Und herrlich rings ist die Natur,
Die mich am Busen hält!
Die Welle wieget unsern Kahn
Im Rudertakt hinauf,
Und Berge, wolkenangetan,
Entgegnen unserm Lauf.

Aug, mein Aug, was sinkst du nieder?
Goldne Träume, kommt ihr wieder?
Weg, du Traum! so gold du bist;
Hier auch Lieb und Leben ist.

Auf der Welle blinken
Tausend schwebende Sterne,
Liebe Nebel trinken
Rings die türmende Ferne,
Morgenwind umflügelt,
Die beschattete Bucht,
Und im See bespiegelt
Sich die reifende Frucht.



Auf dem See (1789)

Und frische Nahrung, neues Blut
Saug ich aus freier Welt;
Wie ist Natur so hold und gut,
Die mich am Busen hält!
Die Welle wieget unsern Kahn
Im Rudertakt hinauf,
Und Berge, wolkig himmelan,
Begegnen unserm Lauf.

Aug, mein Aug, was sinkst du nieder?
Goldne Träume, kommt ihr wieder?
Weg, du Traum! so gold du bist;
Hier auch Lieb und Leben ist.

Auf der Welle blinken
Tausend schwebende Sterne
Weiche Nebel trinken
Rings die türmende Ferne;
Morgenwind umflügelt
Die beschattete Bucht,
Und im See bespiegelt
Sich die reifende Frucht.

aus: J. W. G.: Werke, Hamburger Ausgabe in 14 Bänden, erl. v. Erich Trunz,  dtv, Band 1, S.102 f



J. W. Goethe, Gingo Biloba

Dieses Baums Blatt, der von Osten
Meinem Garten anvertraut,
Gibt geheimen Sinn zu kosten,
Wie’s den Wissenden erbaut.

Ist es ein lebendig Wesen,
Das sich in sich selbst getrennt?
Sind es zwei, die sich erlesen,
Dass man sie als eines kennt?

Solche Fragen zu erwidern
Fand ich wohl den rechten Sinn:
Fühlst Du nicht an meinen Liedern,
Dass ich eins und doppelt bin?


Dieser Baum, der wie im Osten
Nun bei uns auch Wurzeln schlägt,
Gibt der Liebe Geist zu kosten,
Da sein Blatt ein Sinnbild trägt.

Zwei Geschlechter und zwei Wesen
In den Bäumen sind getrennt.
Doch ihr Blatt, markant, erlesen,
Jedermann als eins nur kennt.

Jung und voll, auch tief gespalten,
Steht es für der Liebe Sinn:
Gleich und gleich, für eins gehalten,
Wächst’s und geht’s am Ende hin.


 

Friederike Brun
Ich denke dein (1795)

Ich denke dein, wenn sich im Blütenregen
Der Frühling malt
Und wenn des Sommers mildgereifter Segen
In Ähren strahlt.

Ich denke dein, wenn sich das Weltmeer tönend
Gen Himmel hebt
Und vor der Wogen Wut das Ufer stöhnend
Zurücke bebt.

Ich denke dein, wenn sich der Abend rötend
Im Hain verliert
Und Philomelens Klage leise flötend
Die Seele rührt.

Beim trüben Lampenschein in bittren Leiden
Gedacht’ ich dein;
Die bange Seele flehte nah am Scheiden:
Gedenke mein!

Ich denke dein, bis wehende Zypressen
Mein Grab umziehn;
Und auch in Tempes Hain soll unvergessen
Dein Name blühn.

aus: J. W. G.: Werke, Hamburger Ausgabe in 14 Bänden, erl. v. Erich Trunz,  dtv, Band 1, S.642 f.



J. W. Goethe
Nähe des Geliebten (1796)

Ich denke dein, wenn mir der Sonne Schimmer
              Vom Meere strahlt;
Ich denke dein, wenn sich des Mondes Flimmer
              In Quellen malt.

Ich sehe dich, wenn auf dem fernen Wege
              Der Staub sich hebt;
In tiefer Nacht, wenn auf dem schmalen Stege
              Der Wandrer bebt.

Ich höre dich, wenn dort mit dumpfem Rauschen
              Die Welle steigt.
Im stillen Haine geh ich oft zu lauschen,
              Wenn alles schweigt.

Ich bin bei dir, du seist auch noch so ferne,
              Du bist mir nah!
Die Sonne sinkt, bald leuchten mir die Sterne.
              O wärst du da!

aus: J. W. G.: Werke, Hamburger Ausgabe in 14 Bänden, erl. v. Erich Trunz,  dtv, Band 1, S.242.




H. Heine, Lyrisches Intermezzo, LVI

Dein Bildnis wunderselig
Hab’ ich in Herzensgrund,
Das sieht so frisch und fröhlich
Mich an zu jeder Stund’.

Allnächtlich im Traume seh ich dich,
Und sehe dich freundlich grüßen.
Und laut aufweinend stürz ich mich
Zu deinen süßen Füßen.

Du siehst mich an wehmütiglich,
Und schüttelst das blonde Köpfchen;
Aus deinen Augen schleichen sich
Die Perlentränentröpfchen.

Du sagst mir heimlich ein leises Wort,
Und gibst mir den Strauß von Zypressen.
Ich wache auf, und der Strauß ist fort,
Und das Wort hab ich vergessen.

Mein Herz still in sich singet
Ein altes, schönes Lied,
Das in die Luft sich schwinget
Und zu dir eilig zieht.

 


 

F. Hebbel, Ich und Du (1843)

Wir träumten von einander
Und sind davon erwacht,
Wir leben, um uns zu lieben,
Und sinken zurück in die Nacht.

Du tratst aus meinem Traume,
Aus deinem trat ich hervor,
Wir sterben, wenn sich Eines
Im Andern ganz verlor.

Auf einer Lilie zittern
Zwei Tropfen, rein und rund, 
Zerfließen in Eins und rollen
Hinab in des Kelches Grund.

Hebbel: Gedichte (Ausgabe letzter Hand), S. 123. Die digitale Bibliothek der deutschen Lyrik, S. 28948 (vgl. Hebbel-SW-I Bd. 6, S. 214)

 



E. Mörike, Ein Stündlein wohl vor Tag

Derweil ich schlafend lag,
Ein Stündlein wohl vor Tag,
Sang vor dem Fenster auf dem Baum
Ein Schwälblein mir, ich hört es kaum,
Ein Stündlein wohl vor Tag:

„Hör an, was ich dir sag,
Dein Schätzlein ich verklag:
Derweil ich dieses singen tu,
Herzt er ein Lieb in guter Ruh,
Ein Stündlein wohl vor Tag.“

O weh! nicht weiter sag!
O still! nichts hören mag!
Flieg ab, flieg ab von meinem Baum!
– Ach, Lieb und Treu ist wie ein Traum
Ein Stündlein wohl vor Tag.

Mörike: Gedichte (Ausgabe 1867), S. 21. Die digitale Bibliothek der deutschen Lyrik, S. 53903 (vgl. Mörike-SW Bd. 1, S. 675)

 


 


H. Heine, Die Heimkehr LI

Wenn ich auf dem Lager liege,
In Nacht und Kissen gehüllt,
So schwebt mir vor ein süßes,
Anmutig liebes Bild.

Wenn mir der stille Schlummer
Geschlossen die Augen kaum,
So schleicht das Bild sich leise
Hinein in meinen Traum.

Doch mit dem Traum des Morgens
Zerrinnt es nimmermehr;
Dann trag ich es im Herzen
Den ganzen Tag umher.

Heine: Buch der Lieder, zit. nach H. H. Werke, hrsg. Von Martin Greiner, Kiepenheuer & Witsch, Köln, Berlin o.J., S. 113 f.

 


H. M. Enzensberger,
Befragung zur Mitternacht

Wo, die meine Hand hält, Gefährtin,
verweilst du, durch welche Gewölbe
geht, wenn in den Türmen die Glocken
träumen, daß sie zerbrochen sind,
dein Herz?

Wo, welchen Kahlschlag durcheilst du,
die ich berühre wangenzart, welch ein
betäubendes Nachtkraut streift dich,
Träumerin, welch eine Furt benetzt
deinen Fuß?

Wo, wenn der hohle Himmel graut, Liebste,
rauschst du durch Traumschilf, streichelst
Türen und Grüfte, mit wessen Boten
tauscht Küsse, der leise bebt,
dein Mund?

Wo ist die Flöte, der du dein Ohr neigst,
wo das Geheul das lautlos dein Haar
bauscht, und ich liege wie ein Gelähmter
und horch und wach und wohin
dein Gefieder?

Wo, in was für Wälder verstrickt dich,
die meine Hand hält, Gefährtin,
dein Traum?

Aus: H. M. E.: Verteidigung der Wölfe, 1957. In: Die Gedichte. Suhrkamp Verlag, Fft./ M., 1983, S. 46

Musik: Liebesthema 1 (Jenseits der Stille) (Öffnen der mp3-Datei durch Klicken auf das Bild von Magritte)

Gemälde: René Magritte, L‘empire des Lumières (1954)

 


 


H. von Hofmannsthal, Dein Antlitz (1896)

Dein Antlitz war mit Träumen ganz beladen.
Ich schwieg und sah dich an mit stummem Beben.
Wie stieg das auf! Daß ich mich einmal schon
In frühern Nächten völlig hingegeben

Dem Mond und dem zuviel geliebten Tal,
Wo auf den leeren Hängen auseinander
Die magern Bäume standen und dazwischen
Die niedern kleinen Nebelwolken gingen

Und durch die Stille hin die immer frischen
Und immer fremden silberweißen Wasser
Der Fluß hinrauschen ließ - wie stieg das auf!

Wie stieg das auf! Denn allen diesen Dingen
Und ihrer Schönheit - die unfruchtbar war -
Hingab ich mich in großer Sehnsucht ganz,
Wie jetzt für das Anschaun von deinem Haar
Und zwischen deinen Lidern diesem Glanz!

Echtermeyer, Deutsche Gedichte, Cornelsen Verlag, Berlin, 2005, S. 432


 

E. Lasker-Schüler, Ein Liebeslied

Komm zu mir in der Nacht – wir schlafen engverschlungen.
Müde bin ich sehr, vom Wachen einsam.
Ein fremder Vogel hat in dunkler Frühe schon gesungen,
Als noch mein Traum mit sich und mir gerungen.

Es öffnen Blumen sich vor allen Quellen
Und färben sich mit deiner Augen Immortellen .........

Komm zu mir in der Nacht auf Siebensternenschuhen
Und Liebe eingehüllt spät in mein Zelt.
Es steigen Monde aus verstaubten Himmelstruhen.

Wir wollen wie zwei seltene Tiere liebesruhen
Im hohen Rohre hinter dieser Welt.

Es schlug mein Herz. Deutsche Liebeslyrik, hrsg. v. Hans Wagener, Reclam Verlag, Stgt, 2006, S. 246