Materialienteil

Die Literaturgeschichte ist die große Morgue, wo jeder seine Toten aufsucht, die er liebt oder womit er verwandt ist.[1] (Heinrich Heine)


Volker Braun
Die Kunst
Sie tanzt auf den Gräbern, mit Grazie
Mit ihrem wilden Gedächtnis.
WIR KÖNNEN JA NICHTS BEHALTEN. Sie
Ruft die Verreckten herauf, die Vergessenen
Mit ihren Messern und Forderungen. Erloschene
Liebe, kalter Zorn, vertane Zeiten. Was
Ist der Gedanke, dass wir sterblich sind
Gegen das GROSSE UMSONST. Sie wagt es zu denken
Im Untergrund, wo alles lebt.
Wie, ist es möglich? dass die Verhältnisse tanzen.
[2]

 



Cesare Beccaria, Über Verbrechen und Strafen

Aus der bloßen Betrachtung der bislang dargelegten Wahrheiten ergibt sich klar, dass der Zweck der Strafen nicht darin besteht, ein mit Empfindung begabtes Wesen zu quälen und zu kränken noch ein bereits begangenes Verbrechen ungeschehen zu machen. […] Der Zweck der Strafen kann somit kein anderer als der sein, den Schuldigen daran zu hindern, seinen Mitbürgern abermals Schaden zuzufügen, und die anderen davon abzuhalten, das gleiche zu tun. Diejenigen Strafen also und diejenigen Mittel ihres Vollzugs verdienen den Vorzug, die unter Wahrung des rechten Verhältnisses zum jeweiligen Verbrechen den wirksamsten und nachhaltigsten Eindruck in den Seelen der Menschen zurücklassen, für den Leib des Schuldigen hingegen so wenig qualvoll wie möglich sind.[3]

Dies ungefähr ist die Überlegung eines Räubers oder Mörders, für den es kein anderes Gegengewicht, das ihn von der Verletzung der Gesetze abhält, gibt als den Galgen oder das Rad […]: Was für Gesetze sind es, die ich achten soll, und die einen so großen Abstand zwischen mir und dem Reichen lassen? Er verweigert mir den Groschen, um den ich ihn angehe, und er rechtfertigt sich damit, daß er mir eine Arbeit befiehlt, deren Mühsal er nicht kennt. Wer hat diese Gesetze gemacht? Reiche und mächtige Menschen, die sich nie dazu herabließen, die dürftige Hütte des Armen zu besuchen, die nie ein verschimmeltes Brot unter dem unschuldigen Schreien der hungernden Kinder, unter den Tränen der Gattin verteilten. Laßt uns diese für die Mehrzahl verhängnisvollen und nur für wenige träge Tyrannen nützlichen Bande zerreißen, laßt uns die Ungerechtigkeit an ihrer Quelle angreifen. Ich werde in den Stand meiner natürlichen Unabhängigkeit zurückkehren, werde frei und glücklich für einige Zeit von dem Ertrag meines Mutes und meiner Findigkeit leben; vielleicht wird für mich der Tag des Schmerzes und der Reue kommen, aber er wird nicht lange währen, und ich habe mit einem Tag des Leidens viele Jahre der Freiheit und des Genusses erkauft. König einer kleinen Zahl, werde ich die Irrtümer des Glücks berichtigen, und ich werde die Gewalthaber erbleichen und zittern sehen in Gegenwart derer, die sie in beleidigendem Stolz geringer achteten als ihre Pferde und Hunde.[4]

Ihr wollt den Verbrechen vorbeugen? Dann sorget dafür, daß die Gesetze klar und einfach sind, die ganze Macht der Nation sich auf ihre Verteidigung konzentriert und kein Teil dieser Macht auf ihre Zerstörung verwendet wird. Sorget dafür, dass die Gesetze weniger die Klassen der Menschen begünstigen als die Menschen schlechthin. Sorget dafür, dass die Menschen die Gesetze, und sie allein, fürchten. Die Furcht vor dem Gesetz ist heilsam, doch verhängnisvoll und trächtig von Verbrechen ist die Furcht von Mensch zu Mensch. Geknechtete Menschen sind genusssüchtiger, ausschweifender, grausamer denn freie Menschen. […] Ihr wollt den Verbrechen vorbeugen? Dann sorget dafür, dass die Aufklärung mit der Freiheit Hand in Hand gehe. Die aus dem Wissen erwachsenen Übel stehen im umgekehrten Verhältnis zu seiner Verbreitung und das Gute in geradem Verhältnis zu ihr. Ein kühner Betrüger, der stets ein außergewöhnlicher Mensch ist, gewinnt die Hingabe eines unwissenden, dagegen den Spott eines aufgeklärten Volkes.[5]

 

Auszug aus der Dissertation Schillers
(Versuch über den Zusammenhang der tierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen)

Alle Anstalten, die wir in der sittlichen und körperlichen Welt zur Vollkommenheit des Menschen gewahrnehmen, schei­nen sich zuletzt in den Elementarsatz zu vereinigen: Vollkommenheit des Menschen liegt in der Übung seiner Kräfte durch Betrachtung des Weltplans; und da zwischen dem Maße der Kraft und dem Zweck, auf den sie wirket, die genaueste Harmonie sein muß, so wird Vollkommenheit in der höchstmöglichsten Tätigkeit seiner Kräfte und ihrer wechselseitigen Unterordnung bestehen. Aber die Tätigkeit der menschlichen Seele ist – aus einer Notwendigkeit, die ich noch nicht erkenne, und auf eine Art, die ich noch nicht begreife – an die Tätigkeit der Materie gebunden. Die Veränderungen in der Körperwelt müssen durch eine eigene Klasse mittlerer organischer Kräfte, die Sinne, modifiziert und sozusagen verfeinert werden, ehe sie vermögend sind, in mir eine Vorstellung zu erwecken; so müssen wiederum andere organische Kräfte, die Maschinen der willkürlichen Bewegung, zwischen Seele und Welt treten, um die Veränderung der ersteren auf die letztere fortzupflanzen; so müssen endlich selbsten die Operationen des Denkens und Empfindens gewissen Bewegungen des innern Sensoriums korrespondieren. Alles dieses macht den Organismus der Seelenwirkungen aus.
Aber die Materie ist ein Raub des ewigen Wechsels und reibt sich selbst auf, so wie sie wirket, unter der Bewegung wird das Element aus seinen Fugen getrieben, verjagt und verloren. Weil nun im Gegenteil das einfache Wesen, die Seele, Dauer und Bestandheit in sich selber hat und in ihrem Wesen weder gewinnet noch verlieret, so kann die Materie nicht gleichen Schritt mit der Geistestätigkeit halten, und bald würde also der Organismus des geistigen Lebens, mit ihm alle Wirksamkeit der Seele dahinsein. Dies nun zu verhüten, mußte ein neues System organischer Kräfte zu dem ersten gleichsam angereihet werden, das seine Konsumtionen ersetzt und seinen sinkenden Flor durch eine stetig aneinanderhangende Kette neuer Schöpfungen erhält. Dies ist der Organismus der Ernährung.
Noch mehr. Nach einem kurzen Zeitraum von Wirkung, nach dem aufgehobenen Gleichgewicht zwischen Verlust und Erneurung tritt der Mensch von der Bühne des Lebens, und das Gesetz der Sterblichkeit entvölkert die Erde. Auch hat die Anzahl empfindender Wesen, die die ewige Liebe und Weisheit in ein glückliches Dasein wollte gerufen haben, nicht Raum genug, in den engen Grenzen dieser Welt zumal zu existieren, und das Leben dieser Generation schließt das Leben einer andern aus. Darum ward es notwendig, daß neue Menschen an die Stelle der weggeschiedenen alten treten und das Leben durch ununterbrochene Successionen erhalten würde. Aber geschaffen wird nichts mehr, und was nun Neues wird, wird es nur durch Entwicklung. Die Entwicklung des Menschen mußte durch Menschen geschehen, wenn sie mit der Konsumtion im Verhältnis stehen, wenn der Mensch zum Menschen gebildet werden sollte. Aus diesem Grund wurde ein neues System organischer Kräfte den zwei vorhergehenden zugeordnet, das die Belebung und Entwicklung des Menschenkeims zur Absicht hatte. Dies ist der Organismus der Zeugung. Diese drei Organismi, in den genauesten Lokal- und Realzusammenhang gebracht, bilden den menschlichen Körper.
[6] (Schiller)

 




C. G. Carus, Psyche. Zur Entwicklungsgeschichte der Seele (1846)

Nur dadurch, dass jene eigentümliche zarteste Nervensubstanz des Hirns in primitiver Zellmasse und Primitivfasern sich entwickelt hat, ist eine wesentliche Bedingung alles Bewusstseins gegeben, und kein Gedanke, kein Gefühl, keine Willensregung kann im Geiste sich begeben, die nicht mit irgendwie feinen Umstimmungen in der Spannung dieser Substanzen erknüpft wäre. […] Nur von diesem Standpunkt aus wird man alsdann einigermaßen verstehen können, wie alle jene sonderbaren Zustände erzeugt werden, welche nicht selten auf merkwürdige Weise das Mittel halten zwischen irrigem Denken und zwischen den erwähnten Täuschungen der Sinnesorgane. Den letzteren […] nährt sich am meisten das, was als Halluzinationen bekannt ist: das Hören fremder Stimmen (gleichsam ein Ohrenklingen des Gehirns; figürlich könnte man auch allen Wahnsinn so nennen), das Schauen von Phantasmen usw.)

Noch viel zarter jedoch und für alles, was wir wägbar und messbar nennen, gänzlich unerreichbar, hat man jene an und für sich unbewussten Vorgänge zu betrachten, in denen wir die leibliche Bedingung einer jeden geistigen Regung voraussetzen müssen. Auch ist hier auf diese früher hinreichend besprochenen Gegenstände nur insoweit zurückzugehen, als nötig ist, um deutlich zu machen, wie irgendeine Krankheit wenn sie gerade in einzelnen Provinzen jener elementaren Nervensubstanz besonders bleibende Umstimmungen gesetzt hat, sogleich auch auf gewisse Weise bleibende Umstimmungen in den geistigen Regungen herbeiführen müsse.  […] Nur von diesem Standpunkt aus wird man alsdann einigermaßen verstehen können, wie alle jene sonderbaren Zustände erzeugt werden, welche nicht selten auf merkwürdige Weise das Mittel halten zwischen irrigem Denken und zwischen den erwähnten Täuschungen der Sinnesorgane. Den letzteren, von denen wir als Beispiele die Augenspectra und das Ohrenklingen angeführt haben, nährt sich am meisten das, was als Halluzinationen bekannt ist: das Hören fremder Stimmen (gleichsam ein Ohrenklingen des Gehirns; figürlich könnte man auch allen Wahnsinn so nennen), das Schauen von Phantasmen usw.[7]

 


G. Büchner, Über Schädelnerven, Probevorlesung,  Zürich 1836.

Hochgeachtete Zuhörer!

Es treten uns auf dem Gebiete der physiologischen und anatomischen Wissenschaften zwei sich gegenüberstehende Grundansichten entgegen, die sogar ein nationelles Gepräge tragen, indem die eine in England und Frankreich, die andere in Deutschland überwiegt. Die erste betrachtet alle Erscheinungen des organischen Lebens vom teleologischen Standpunkt aus; sie findet die Lösung des Rätsels in dem Zweck der Wirkung, in dem Nutzen der Verrichtung eines Organs. Sie kennt das Individuum nur als etwas, das einen Zweck außer sich erreichen soll, und nur in seiner Bestrebung, sich der Außenwelt gegenüber teils als Individuum, teils als Art zu behaupten. Jeder Organismus ist für sie eine verwickelte Maschine, mit den künstlichen Mitteln versehen, sich bis auf einen gewissen Punkt zu erhalten. Das Enthüllen der schönsten und reinsten Formen im Menschen, die Vollkommenheit der edelsten Organe, in denen die Psyche fast den Stoff zu durchbrechen und sich hinter den leichtesten Schleiern zu bewegen scheint, ist für sie nur das Maximum einer solchen Maschine. Sie macht den Schädel zu einem künstlichen Gewölbe mit Strebepfeilern, bestimmt, seinen Bewohner, das Gehirn, zu schützen, – Wangen und Lippen zu einem Kau- und Respirationsapparat, – das Auge zu einem komplizierten Glase, – die Augenlider und Wimpern zu dessen Vorhängen – ja die Träne ist nur der Wassertropfen, welcher es feucht erhält. […]

Die teleologische Methode bewegt sich in einem ewigen Zirkel, indem sie die Wirkungen der Organe als Zwecke voraussetzt. Sie sagt zum Beispiel: soll das Auge seine Funktion versehen, so muß die Hornhaut feucht erhalten werden, und somit ist eine Tränendrüse nötig. Diese ist also vorhanden, damit das Auge feucht erhalten werde, und somit ist das Auftreten dieses Organs erklärt; es gibt nichts weiter zu fragen, – die entgegengesetzte Ansicht sagt dagegen: die Tränendrüse ist nicht da, damit das Auge feucht werde, sondern das Auge wird feucht, weil eine Tränendrüse da ist, oder, um ein anderes Beispiel zu geben, wir haben nicht Hände, damit wir greifen können, sondern wir greifen, weil wir Hände haben. […]

Die Natur handelt nicht nach Zwecken, sie reiht sich nicht in einer unendlichen Reihe von Zwecken auf, von denen der eine den anderen bedingt; sondern sie ist in allen ihren Außerungen sich unmittelbar selbst genug. Alles, was ist, ist um seiner selbst willen da. Das Gesetz dieses Seins zu suchen, ist das Ziel der der teleologischen gegenüberstehenden Ansicht, die ich die philosophische nennen will. Alles, was für jene Zwecke ist, wird für diese Wirkung. Wo die teleologische Schule mit ihrer Antwort fertig ist, fängt die Frage für die philosophische an. Diese Frage, die uns auf allen Punkten anredet, kann ihre Antwort nur in einem Grundgesetze für die gesamte Organisation finden, und so wird für die philosophische Methode das ganze körperliche Dasein des Individuums nicht zu seiner eigenen Erhaltung aufgebracht, sondern es wird die Manifestation eines Urgesetzes, eines Gesetzes der Schönheit, das nach den einfachsten Rissen und Linien die höchsten und reinsten Formen hervorbringt. Alles, Form und Stoff, ist für sie an dies Gesetz gebunden. Alle Funktionen sind Wirkungen desselben; sie werden durch keine äußeren Zwecke bestimmt, und ihr sogenanntes zweckmäßiges Aufeinander- und Zusammenwirken ist nichts weiter, als die notwendige Harmonie in den Äußerungen eines und desselben Gesetzes, dessen Wirkungen sich natürlich nicht gegenseitig zerstören.

Die Frage nach einem solchen Gesetze führte von selbst zu den zwei Quellen der Erkenntnis, aus denen der Enthusiasmus des absoluten Wissens sich von je berauscht hat, der Anschauung des Mystikers und dem Dogmatismus der Vernunftphilosophen. Daß es bis jetzt gelungen sei, zwischen letzterem und dem Naturleben, das wir unmittelbar wahrnehmen, eine Brücke zu schlagen, muß die Kritik verneinen. Die Philosophie a priori sitzt noch in einer trostlosen Wüste; sie hat einen weiten Weg zwischen sich und dem frischen grünen Leben, und es ist eine große Frage, ob sie ihn je zurücklegen wird. Bei den geistreichen Versuchen, die sie gemacht hat, weiter zu kommen, muß sie sich mit der Resignation begnügen, bei dem Streben handle es sich nicht um die Erreichung des Ziels, sondern um das Streben selbst.[8]


 




Wenn man mir übrigens noch sagen wollte, der Dichter müsse die Welt nicht zeigen, wie sie ist, sondern wie sie sein solle, so antworte ich, daß ich es nicht besser machen will, als der liebe Gott, der die Welt gewiß gemacht hat, wie sie sein soll. Was noch die sogenannten Idealdichter anbetrifft, so finde ich, daß sie fast nichts als Marionetten mit himmelblauen Nasen und affectirtem Pathos, aber nicht Menschen von Fleisch und Blut gegeben haben, deren Leid und Freude mich mitempfinden macht, und deren Thun und Handeln mir Abscheu oder Bewunderung einflößt. Mit einem Wort, ich halte viel auf Goethe oder Shakespeare, aber sehr wenig auf Schiller.[9] (Büchner)


Gottfried August Bürger, Verhör einer Kindsmörderin (1781 – Auszug)

[…] Sie sei nicht lange draußen vor der Tür gewesen, als das Kind von ihr gegangen und auf die Erde gefallen, wobei dasselbe geschrieen habe. Im Niederfallen des Kindes sei auch die Nabelschnur losgerissen und das übrige habe sie noch bei sich im Leibe behalten. Weil sie sich nun vor ihrem Vater, welcher schlimm wäre, gefürchtet und nicht gewollt hätte, daß er etwas gewahr werden sollte, so habe sie das Kind gleich von der Erde aufgenommen, sei nach der Garte gesprungen und habe es ins Wasser geworfen. Arrestantin weinete und seufzte hierbei mit dem Hinzufügen, daß es für sie wohl besser sein würde, wenn dieses nicht geschehen wäre […]

G. A. Bürger, Des Pfarrers Tochter vom Taubenhain (Auszug)

Erst, als sie vollendet die blutige That,
Mußt’ ach! ihr Wahnsinn sich enden.
Kalt wehten Entsetzen und Grausen sie an.
O Jesu, mein Heiland, was hab' ich gethan?
Sie wand sich das Bast von den Händen.

Sie kratzte mit blutigen Nägeln ein Grab,
Am schilfigen Unkengestade.
„Da ruh du, mein Armes, da ruh nun in Gott,
Geborgen auf immer vor Elend und Spott!
Mich hacken die Raben vom Rade!“ –                                           (1781)

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Friedrich Schiller, Die Kindesmörderin (Auszug)

Joseph! Joseph! auf entfernte Meilen
                  Jage dir der grimme Schatten nach,
Mög mit kalten Armen dich ereilen,
                  Donnre dich aus Wonneträumen wach,
Im Geflimmer sanfter Sterne zucke
                  Dir des Kindes grasser Sterbeblick,
Es begegne dir im blut'gen Schmucke,
                  Geißle dich vom Paradies zurück.

Seht! da lag's entseelt zu meinen Füßen –
                  Kalt hinstarrend, mit verworrnem Sinn
Sah ich seines Blutes Ströme fließen,
                  Und mein Leben floß mit ihm dahin; –
Schröcklich pocht schon des Gerichtes Bote,
                  Schröcklicher mein Herz!
Freudig eilt ich, in dem kalten Tode
                  Auszulöschen meinen Flammenschmerz.                    (1780/81)

 


 

J. H. Pestalozzi, Über Gesetzgebung und Kindermord (1780 – Auszug)

Und endlich, um über den Gegenstand von der Leber weg zu reden, was thut das Mädchen am End gegen den Staat, wenn es sein Kind mordet?
Ich sehe nichts anders, als es unterhaltet den unter den Umständen unsrer Zeit so auffallend unnatürlichen und gewaltsamen Zustand, in welchem es kein Kind gebähren darf, bis es verheurathet, es thut in Beziehung auf den Staat nichts anders, als daß es sucht, kinderlos zu bleiben, weil der Staat will, daß es kinderlos sey, und ihm drohet, weil es nicht kinderlos ist.
[10]

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C. Beccaria, Über Verbrechen und Strafen (1766)

Wie sollte die, welche zwischen der Schande und dem Tode eines Wesens, das dessen Übel zu empfinden unfähig ist, zu wählen hat, nicht diesen dem unabwendbaren Elend vorziehen, dem sie und die glücklose Frucht ausgesetzt sein würden? Die beste Weise der Verhütung bestünde bei die­sem Verbrechen in einem wirksamen gesetzlichen Schutz der Schwäche vor der Tyrannei, welche die Laster übertreibt, die sich nicht mit dem Mantel der Tugend bedecken lassen. Ich beabsichtige nicht, den gerechten Abscheu zu verringern, den diese Verbrechen verdienen; aber indem ich auf ihre Quellen hinweise, glaube ich das Recht zu haben, einen ver­allgemeinernden Schluß daraus zu ziehen, nämlich daß die Strafe eines Verbrechens nicht im genauen Sinn gerecht (will sagen notwendig) heißen kann, ehe nicht das Gesetz das unter den gegebenen Verhältnissen einer Nation best­mögliche Mittel angewandt hat, um dem Verbrechen vor­zubeugen.[11]



[1] Heinrich Heine, Die romantische Schule, in: H.H. Werke, Band 2, Kiepenheuer & Witsch, Köln, Berlin o.J., S. 223

[2] Volker Braun, bislang unveröffentlichter Exklusivbeitrag für: Reinhard Lindenhahn (Hrsg.) Arbeitsheft zur Literaturgeschichte. Literatur nach 1945, Cornelsen-Verlag Berlin, erscheint Anfang 2007

[3] Beccaria, C.: Über Verbrechen und Strafen. Nach der Ausgabe von 1766. Frft/ M. 1966 (= Sammlung insel 22), S.74 (Zweck der Strafen)

[4] ebda, S.114 f (Über die Todesstrafe)

[5] ebda, S.148 ff (Wie man den verbrechen vorbeugt)

[6] aus: F.S. Friedrich Schiller, Versuch über den Zusammenhang der tierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen (Auszug); PHYSISCHER ZUSAMMENHANG. Tierische Natur befestiget die Tätigkeit des Geists – Organismus der Seelenwirkungen – der Ernährung – der Zeugung. In: Gesammelte Werke in fünf Bänden, hrsg. v. R. Netolitzky, Mohn Verlag, 1959, 5. Band: Schriften zur Kunst und Philosophie, S. 34 f.

[7] Carus, C. G.: Psyche. Zur Entwicklungsgeschichte der Seele. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 1941, S. 445f.

[8] aus: G.B.: Werke und Briefe, nach der historisch-kritischen Ausgabe von Werner R. Lehmann. C. Hanser Verlag, München, Wien 1980, S. 235 f

[9] aus: G.B.: Werke und Briefe, nach der historisch-kritischen Ausgabe von Werner R. Lehmann. C. Hanser Verlag, München, Wien 1980, S. 272 f.

[10] alle Texte aus: Lindenhahn, R.: Arbeitsheft zur Literaturgeschichte, Sturm und Drang. Cornelsen-Verlag, Berlin 2002

[11] Beccaria, C.: a.a.o., S.128 f (Schwer erweisliche Verbrechen)