Handlungsorientierte Unterrichtsideen zum Sturm und Drang

Teil M: Materialien zum Referat

  • Goethe: Von deutscher Baukunst (1772)
  • Arbeitsblatt zu Goethe: Von deutscher Baukunst
  • Goethe, Willkommen und Abschied (1. Fassung, 1771)
  • An die Natur

    Den schwachen Flügel reizet der Äther nicht!
    Im Felsenneste fühlt sich der Adler schon 
    Voll seiner Urkraft, hebt den Fittig,
    Senkt sich und hebt sich und trinkt die Sonne!

    Du gabst, Natur! ihm Flug und den Sonnendurst! 
    Mir gabst du Feuer, Durst nach Unsterblichkeit, 
    Dies Toben in der Brust! Das Staunen
    Welches durch jegliche Nerve zittert,

    Wenn schon die Seelen werdender Lieder mir 
    Das Haupt umschweben, eh das nachahmende 
    Gewand der Sprache sie umfließet,
    Ohne den geistigen Flug zu hemmen.

    Du gabst mir Schwingen hoher Begeisterung, 
    Gefühl des Wahren, Liebe des Schönen du! 
    Du lehrst mich neue Höhen finden
    Welche das Auge der Kunst nicht spähet!

    Von dir geleitet wird mir die Sternenbahn 
    Nicht hoch, und tief sein nicht der Oceanus, 
    Die Mitternacht nicht dunkel, blendend 
    Nicht des vertrauten Olymps Umstrahlung!

    An die Kunst

    Dem nächt'gen Flügel bleibet der Tag verschlossen! Die weise Eule im Felsengeniste 
    Hebt in ihrer Urkraft die Schwingen,
    Hebt sich und fliegt zur Sternennacht!

    Du gabst, Natur! ihr Aug und Flug zur Dunkelheit! 
    Du, Kunst, du gabst mir: Kraft zur Unsterblichkeit, 
    Dies Toben in der Brust! Das Raunen 
    Welches sich durch alle Sinne zieht,

    Wenn schon die Seelen werdender Lieder mir 
    Die Sinne umschweben, eh das schaffende 
    Gewand der Sprache sie erhellend bannt,
    Ein Vergessen zu hindern.

    Du gabst mir Worte hoher Begeisterung, 
    Gefühl des Wahren, Liebe des Schönen du! 
    Du lehrst mich Bilder zeichnen
    Welche das Auge der Kunst nur erfaßt!

    Von dir geleitet wird mir die Sternenbahn 
    Nicht hoch genug, und tief nicht sein der Ocean, 
    Die Mitternacht nicht dunkel;
    Hell durch des Apolls Umstrahlung!

     
    Gedichtvergleich J. W. Goethe, Natur und Kunst
    Natur und Kunst, sie werden stets sich fliehen 
    und hast der beiden eine du gefunden, 
    so ist die andere dir jäh entschwunden,
    denn nie vermagst du beide anzuziehen.

    Mag auch Natur im Herzen wieder glühen! 
    Sobald wir denn in abgemeßnen Stunden 
    mit Geist und Fleiß uns an die Kunst gebunden, 
    Hilft der Natur kein redliches Bemühen!

    So ist's mit aller Freiheit auch beschaffen: 
    Vergebens werden kunst-gebundne Geister 
    nach der Natur befreiter Höhe streben.

    Wer Bildung will, muß sich zusammenraffen:
    In der Beschränkung wirkt manch wack'rer Meister, 
    doch im Gesetz kann keine Freiheit leben.

    Natur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehen 
    und haben sich, eh' man es denkt, gefunden; 
    der Widerwille ist auch mir verschwunden,
    und beide scheinen gleich mich anzuziehen.

    Es gilt wohl nur ein redliches Bemühen! 
    Und wenn wir erst in abgemeßnen Stunden 
    mit Geist und Fleiß uns an die Kunst gebunden, 
    mag frei Natur im Herzen wieder glühen.

    So ist's mit aller Bildung auch beschaffen: 
    Vergebens werden ungebundne Geister 
    nach der Vollendung reiner Höhe streben.

    Wer Großes will, muß sich zusammenraffen; 
    in der Beschränkung zeigt sich erst der Meister, 
    und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben.

    F. Schiller, Kabale und Liebe (II,2)

    Ein alter Kammerdiener des Fürsten, der ein Schmuckkästchen trägt. Die Vorigen.

    Kammerdiener: Seine Durchlaucht der Herzog empfehlen sich Mylady zu Gnaden, und schicken Ihnen diese Brillanten zur Hochzeit. Sie kommen soeben erst aus Venedig.
    Lady hat das Kästchen ergriffen und fährt erschrocken zurück: Mensch! was bezahlt dein Herzog für diese Steine?
    Kammerdiener mit finsterm Gesicht: Sie kosten ihn keinen Heller.
    Lady: Was? Bist du rasend? N i c h t s ? – und Indem sie einen Schritt von ihm wegtritt. du wirfst mir ja einen Blick zu, als wenn du mich durchbohren wolltest – N i c h t s kosten ihn diese unermeßlich kostbaren Steine?
    Kammerdiener: Gestern sind siebentausend Landskinder nach Amerika fort – Die zahlen alles.
    Lady setzt den Schmuck plötzlich nieder, und geht rasch durch den Saal, nach einer Pause zum Kammerdiener: Mann, was ist dir? Ich glaube, du weinst?
    Kammerdiener wischt sichdie Augen, mit schrecklicher Stimm, alle Glieder zitternd: Edelsteine wie diese da – – Ich hab auch ein paar Söhne drunter.
    Lady wendet sich bebend weg, seine Hand fassend: Doch keinen Gezwungenen?
    Kammerdiener lacht fürchterlich: O Gott – Nein – lauter Freiwillige. Es traten wohl so etliche vorlaute Bursch vor die Front heraus, und fragten den Obersten, wie teuer der Fürst das Joch Menschen verkaufe? – aber unser gnädigster Landesherr ließ alle Regimenter auf dem Paradeplatz aufmarschieren, und die Maulaffen niederschießen. Wir hörten die Büchsen knallen, sahen ihr Gehirn auf das Pflaster sprützen, und die ganze Armee schrie: Juchhe nach Amerika!
    Lady fällt mit Entsetzen in den Sofa: Gott! Gott! – Und ich hörte nichts? Und ich merkte nichts?
    Kammerdiener: Ja gnädige Frau – warum mußtet Ihr denn mit unserm Herrn gerad auf die Bärenhatz reiten, als man den Lärmen zum Aufbruch schlug? – Die Herrlichkeit hättet Ihr doch nicht versäumen sollen, wie uns die gellenden Trommeln verkündigten, es ist Zeit, und heulende Waisen dort einen lebendigen Vater verfolgten, und hier eine wütende Mutter lief, ihr saugendes Kind an Bajonetten zu spießen, und wie man Bräutigam und Braut mit Säbelhieben auseinanderriß, und wir Graubärte verzweiflungsvoll dastanden, und den Burschen auch zuletzt die Krücken noch nachwarfen in die Neue Welt – Oh, und mitunter das polternde Wirbelschlagen, damit der Allwissende uns nicht sollte beten hören –
    Lady steht auf, heftig bewegt: Weg mit diesen Steinen – sie blitzen Höllenflammen in mein Herz. Sanfter zum Kammerdiener: Mäßige dich armer alter Mann. Sie werden wiederkommen. Sie werden ihr Vaterland wiedersehen.
    Kammerdiener warm und voll: Das weiß der Himmel! Das werden sie! – Noch am Stadttor drehten sie sich um, und schrieen: „Gott mit euch, Weib und Kinder – Es leb unser Landesvater – am Jüngsten Gericht sind wir wieder da!"
    Lady mit starkem Schritt auf und nieder gehend: Abscheulich! Fürchterlich! – Mich beredete man, ich habe sie alle getrocknet die Tränen des Landes – Schrecklich, schrecklich gehen mir die Augen auf – Geh du – Sag deinem Herrn – Ich werd ihm persönlich danken. Kammerdiener will gehen, sie wirft ihm ihre Goldbörse in den Hut. Und das nimm, weil du mir Wahrheit sagtest –
    Kammerdiener wirft sie verächtlich auf den Tisch zurück: Legt's zu dem übrigen. Er geht ab.

    Ein alter Kammerdiener des Fürsten, der ein Schmuckkästchen trägt. Die Vorigen.

    Kammerdiener: Seine Durchlaucht der Herzog empfehlen sich Mylady zu Gnaden, und schicken Ihnen diese Brillanten zur Hochzeit. Sie kommen soeben erst aus Venedig.
    Lady: Mensch! was bezahlt dein Herzog für diese Steine?
    Kammerdiener: Sie kosten ihn keinen Heller.
    Lady: Was? Bist du rasend? N i c h t s ? – und du wirfst mir ja einen Blick zu, als wenn du mich durchbohren wolltest – N i c h t s kosten ihn diese unermeßlich kostbaren Steine?
    Kammerdiener: Gestern sind siebentausend Landskinder nach Amerika fort – Die zahlen alles.
    Lady: Mann, was ist dir? Ich glaube, du weinst?
    Kammerdiener: Edelsteine wie diese da – – Ich hab auch ein paar Söhne drunter.
    Lady: Doch keinen Gezwungenen?
    Kammerdiener: O Gott – Nein – lauter Freiwillige. Es traten wohl so etliche vorlaute Bursch vor die Front heraus, und fragten den Obersten, wie teuer der Fürst das Joch Menschen verkaufe? – aber unser gnädigster Landesherr ließ alle Regimenter auf dem Paradeplatz aufmarschieren, und die Maulaffen niederschießen. Wir hörten die Büchsen knallen, sahen ihr Gehirn auf das Pflaster sprützen, und die ganze Armee schrie: Juchhe nach Amerika!
    Lady: Gott! Gott! – Und ich hörte nichts? Und ich merkte nichts?
    Kammerdiener: Ja gnädige Frau – warum mußtet Ihr denn mit unserm Herrn gerad auf die Bärenhatz reiten, als man den Lärmen zum Aufbruch schlug? – Die Herrlichkeit hättet Ihr doch nicht versäumen sollen, wie uns die gellenden Trommeln verkündigten, es ist Zeit, und heulende Waisen dort einen lebendigen Vater verfolgten, und hier eine wütende Mutter lief, ihr saugendes Kind an Bajonetten zu spießen, und wie man Bräutigam und Braut mit Säbelhieben auseinanderriß, und wir Graubärte verzweiflungsvoll dastanden, und den Burschen auch zuletzt die Krücken noch nachwarfen in die Neue Welt – Oh, und mitunter das polternde Wirbelschlagen, damit der Allwissende uns nicht sollte beten hören –
    Lady: Weg mit diesen Steinen – sie blitzen Höllenflammen in mein Herz.: Mäßige dich armer alter Mann. Sie werden wiederkommen. Sie werden ihr Vaterland wiedersehen.
    Kammerdiener: Das weiß der Himmel! Das werden sie! – Noch am Stadttor drehten sie sich um, und schrieen: „Gott mit euch, Weib und Kinder – Es leb unser Landesvater – am Jüngsten Gericht sind wir wieder da!"
    Lady: Abscheulich! Fürchterlich! – Mich beredete man, ich habe sie alle getrocknet die Tränen des Landes – Schrecklich, schrecklich gehen mir die Augen auf – Geh du – Sag deinem Herrn – Ich werd ihm persönlich danken. Und das nimm, weil du mir Wahrheit sagtest –
    Kammerdiener: Legt's zu dem übrigen. Er geht ab.

    Regieanweisungen zu der Szene Schillers

  • mit schrecklicher Stimm
  • lacht fürchterlich
  • setzt den Schmuck plötzlich nieder
  • und geht rasch durch den Saal
  • nach einer Pause zu _______________
  • wischt sich die Augen
  • mit finsterm Gesicht
  • warm und voll
  • alle Glieder zitternd
  • _______________ wirft _______________ Goldbörse in den Hut
  • Indem _______________ einen Schritt von _______________ wegtritt
  • wendet sich bebend weg, _______________ Hand fassend
  • wirft sie verächtlich auf den Tisch zurück
  • steht auf, heftig bewegt
  • fällt mit Entsetzen in den Sofa
  • mit starkem Schritt auf und nieder gehend
  • Sanfter zu _______________
  • _______________ will gehen
  • hat das Kästchen ergriffen und fährt erschrocken zurück
  • Chr. F. D. Schubart, Das Kaplied (1787)


    1. Auf, auf, ihr Brüder, und seid stark! der Abschiedstag ist da.
    Schwer liegt er auf der Seele, schwer,
    wir sollen über Land und Meer
    ins heiße Afrika.

    2. Ein dichter Kreis von Lieben steht
    ihr Brüder um uns her.
    Uns knüpft so manches teure Band
    an unser deutsches Vaterland,
    drum fällt der Abschied schwer.

    3. Dem bieten graue Eltern noch
    zum letztenmal die Hand
    den kosen Bruder, Schwester, Freund
    und alles schweigt und alles weint
    todblaß von uns gewandt.

    4. Und wie ein Geist schlingt um den Hals
    das Liebchen sich herum:
    „Willst mich verlassen, liebes Herz
    auf ewig?" – und der bittre Schmerz
    macht's arme Liebchen stumm.

    5. Ist hart! Drum wirble du, Tambour,
    den Generalmarsch drein;
    der Abschied macht uns sonst zu weich,
    wir weinten kleinen Kindern gleich,
    es müß geschieden sein!

    6. Lebt wohl, ihr Freunde! sehn wir uns
    vielleicht zum letztenmal,
    so denkt: nicht für die kurze Zeit,
    Freundschaft ist für die Ewigkeit
    und Gott ist überall.
     

    7. An Deutschlands Grenze füllen wir
    mit Erde unsre Hand
    und küssen sie, – das sei der Dank
    für deine Pflege, Speis und Trank,
    du liebes Vaterland!

    8. Wenn dann die Meereswoge sich
    an unsern Schiffen bricht,
    so segeln wir gelassen fort,
    denn Gott ist hier und Gott ist dort
    und der verläßt uns nicht.

    9. Und ha, wenn sich der Tafelberg
    aus blauen Düften hebt,
    so strecken wir empor die Hand und jauchzen: „Land ihr Brüder, Land!"
    daß unser Schiff erbebt.

    10. Und wenn Soldat und Offizier
    gesund ans Ufer springt,
    dann jubeln wir: „Ihr Brüder, ha,
    nun sind wir ja in Afrika!"
    und alles dankt und singt.

    11. Wir leben drauf in fernem Land
    als Deutsche brav und gut
    und sagen soll man weit und breit
    Die Deutschen sind doch brave Leut,
    sie haben Geist und Mut.

    12. Und trinken auf dem Hoffnungskap
    wir feinen Götterwein,
    so denken wir, von Sehnsucht weich
    ihr fernen Freunde, dann an euch
    und Tränen fließen drein.

    Schubart: Hier ist eine Probe der neuesten Menschenschatzung! – Der Landgraf von Hessen-Kassel bekommt jährlich 450 000 Taler für seine 12 000 tapfere Hessen, die größtenteils in Amerika ihr Grab finden werden. Der Herzog von Braunschweig erhält 56 000 Taler für 3964 Mann Fußvolks und 360 Mann leichter Reuterei, wovon ohnfehlbar sehr wenige ihr Vaterland sehen werden. Der Erbprinz von Hessen-Kassel gibt ebenfalls ein Regiment Fußvolk ab, um den Preis von 25 000 Taler. 20 000 Hannoveraner sind bekanntlich schon nach Amerika bestimmt und 3 000 Mecklenburger für 50 000 Taler auch. Nun sagt man, der Kurfürst von Bayern werde ebenfalls 4 000 Mann in englischen Sold geben. Ein fruchtbarer Text zum Predigen für Patrioten, denen's Herz pocht, wenn Mitbürger das Schicksal der Negersklaven haben und als Schlachtopfer in fremde Welten verschickt werden. […]

    Lady
    Kammerdiener: Seine Durchlaucht der Herzog empfehlen sich Mylady zu Gnaden, und schicken Ihnen diese Brillanten zur Hochzeit. Sie kommen soeben erst aus Venedig. 
    Lady: Mensch! was bezahlt dein Herzog für diese Steine?
    Kammerdiener: Sie kosten ihn keinen Heller.
    Lady: Was? Bist du rasend? N i c h t s ? – und du wirfst mir ja einen Blick zu, als wenn du mich durchbohren wolltest – N i c h t s kosten ihn diese unermeßlich kostbaren Steine?
    Kammerdiener: Gestern sind siebentausend Landskinder nach Amerika fort – Die zahlen alles. 
    Lady: Mann, was ist dir? Ich glaube, du weinst?
    Kammerdiener: Edelsteine wie diese da – – Ich hab auch ein paar Söhne drunter.
    Lady: Doch keinen Gezwungenen?
    Kammerdiener: O Gott – Nein – lauter Freiwillige. Es traten wohl so etliche vorlaute Bursch vor die Front heraus, und fragten den Obersten, wie teuer der Fürst das Joch Menschen verkaufe? – aber unser gnädigster Landesherr ließ alle Regimenter auf dem Paradeplatz aufmarschieren, und die Maulaffen niederschießen. Wir hörten die Büchsen knallen, sahen ihr Gehirn auf das Pflaster sprützen, und die ganze Armee schrie: Juchhe nach Amerika
    Lady: Gott! Gott! – Und ich hörte nichts? Und ich merkte nichts?
    Kammerdiener: Ja gnädige Frau – warum mußtet Ihr denn mit unserm Herrn gerad auf die Bärenhatz reiten, als man den Lärmen zum Aufbruch schlug? – Die Herrlichkeit hättet Ihr doch nicht versäumen sollen, wie uns die gellenden Trommeln verkündigten, es ist Zeit, und heulende Waisen dort einen lebendigen Vater verfolgten, und hier eine wütende Mutter lief, ihr saugendes Kind an Bajonetten zu spießen, und wie man Bräutigam und Braut mit Säbelhieben auseinanderriß, und wir Graubärte verzweiflungsvoll dastanden, und den Burschen auch zuletzt die Krücken noch nachwarfen in die Neue Welt – Oh, und mitunter das polternde Wirbelschlagen, damit der Allwissende uns nicht sollte beten hören –
    Lady: Weg mit diesen Steinen – sie blitzen Höllenflammen in mein Herz. Mäßige dich armer alter Mann. Sie werden wiederkommen. Sie werden ihr Vaterland wiedersehen. 
    Kammerdiener: Das weiß der Himmel! Das werden sie! – Noch am Stadttor drehten sie sich um, und schrieen: „Gott mit euch, Weib und Kinder – Es leb unser Landesvater – am Jüngsten Gericht sind wir wieder da!" 
    Lady: Abscheulich! Fürchterlich! – Mich beredete man, ich habe sie alle getrocknet die Tränen des Landes – Schrecklich, schrecklich gehen mir die Augen auf – Geh du – Sag deinem Herrn – Ich werd ihm persönlich danken. Und das nimm, weil du mir Wahrheit sagtest – 
    Kammerdiener: Legt's zu dem übrigen.
    Kammerdiener
     

     
     

    Texte für Arbeitsgruppen


    J. M. R. Lenz, Über Götz von Berlichingen

    Wir werden geboren – unsere Eltern geben uns Brot und Kleid – unsere Lehrer drücken in unser Hirn Worte, Sprachen, Wissenschaften – irgendein artiges Mädchen drückt in unser Herz den Wunsch, es eigen zu besitzen, es in unsere Arme als unser Eigentum zu schließen, wenn sich nicht gar ein tierisch Bedürfnis mit hineinmischt – es entsteht eine Lücke in der Republik, wo wir hineinpassen – unsere Freunde, Verwandte, Gönner setzen an und stoßen uns glücklich hinein – wir drehen uns eine Zeitlang in diesem Platz herum wie die andern Räder und stoßen und treiben – bis wir, wenn's noch so ordentlich geht, abgestumpft sind und zuletzt wieder einem neuen Rade Platz machen müssen – das ist, meine Herren! ohne Ruhm zu melden, unsere Biographie – und was bleibt nun der Mensch noch anders als eine vorzüglich-künstliche kleine Maschine, die in die große Maschine, die wir Welt, Weltbegebenheiten, Weltläufte nennen, besser oder schlimmer hineinpaßt. Kein Wunder, daß die Philosophen so philosophieren, wenn die Menschen so leben. Aber heißt das gelebt? heißt das seine Existenz gefühlt, seine selbständige Existenz, den Funken von Gott? Ha, er muß in was Besserm stecken, der Reiz des Lebens: denn ein Ball anderer zu sein, ist ein trauriger, niederdrückender Gedanke, eine ewige Sklaverei, eine nur künstliche, eine vernünftige, aber eben um dessentwillen desto elendere Tierschaft.

    Was lernen wir hieraus? Das soll keine Deklamation sein, ihr Herren, wenn Ihr Gefühl Ihnen nicht sagt, daß ich recht habe, so verwünscht ich alle Rednerkünste, die Sie auf meine Partei neigten, ohne Sie überzeugt zu haben. Was lernen wir hieraus? Das lernen wir hieraus, daß handeln, handeln die Seele der Welt sei, nicht genießen, nicht empfindeln, nicht spitzfündeln, daß wir dadurch allein Gott ähnlich werden, der unaufhörlich handelt und unaufhörlich an seinen Werken sich ergötzt; das lernen wir daraus, daß die in uns handelnde Kraft, unser Geist, unser höchster Anteil sei, daß die allein unserm Körper mit allen seinen Sinnlichkeiten und Empfindungen das wahre Leben, die wahre Konsistenz, den wahren Wert gebe, daß ohne denselben all unser Genuß, all unsere Empfindungen, all unser Wissen doch nur ein Leiden, doch nur ein aufgeschobener Tod sind. Das lernen wir daraus, daß diese unsre handelnde Kraft nicht eher ruhe, nicht eher ablasse zu wirken, zu regen, zu toben, als bis sie uns Freiheit um uns her verschafft, Platz zu handeln; guter Gott! Platz zu handeln, und wenn es ein Chaos wäre, das du geschaffen, wüste und leer, aber Freiheit wohnte nur da, und wir könnten dir so nachahmend drüber brüten, bis was herauskäme – Seligkeit! Seligkeit! Göttergefühl das! […]

    J. C. Lavater, aus: Physiognomische Fragmente

    Was ist Genie? Wer's nicht ist, kann nicht; und wer's ist, wird nicht antworten. – Vielleicht kann's und darf's einigermaßen, wer dann und wann gleichsam in der Mitte schwebt, und dem's wenigstens bisweilen gegeben ist, in die Höhe über sich, und in die Tiefe unter sich – hinzublicken.
    Was ist Genie? Was ist's nicht? Ist's bloß Gabe ausnehmender Deutlichkeit in seinen Vorstellungen und Begriffen? Ist's bloß anschauende Erkenntnis? Ist's bloß richtig sehen und urteilen? viel wirken? ordnen? geben? verbreiten? Ist's bloß – ungewöhnliche Leichtigkeit zu lernen? zu sehen? zu vergleichen? Ist's bloß Talent? – Genie ist Genius.
    Wer bemerkt, wahrnimmt, schaut, empfindet, denkt, spricht, handelt, dichtet, singt, schafft, vergleicht, sondert, vereinigt, folgert, ahndet, gibt, nimmt – als wenn's ihm ein Genius, ein unsichtbares Wesen höherer Art diktiert oder angegeben hätte, der hat Genie; als wenn er selbst ein Wesen höherer Art wäre – ist Genie. […] Wo Wirkung, Kraft, Tat, Gedanke, Empfindung ist, die von Menschen nicht gelernt und nicht gelehrt werden kann – da ist Genie. Genie – das allererkennbarste und unbeschreiblichste Ding! fühlbar, wo es ist, und unaussprechlich wie die Liebe.
    […] Oder – nenn es, beschreib es, wie du willst – Nenn's Fruchtbarkeit des Geistes! Unerschöpflichkeit! Quellgeist! Nenn's Kraft ohne ihresgleichen – Urkraft, kraftvolle Liebe; nenn's Elastizität der Seele, oder der Sinne und des Nervensystems – die leicht Eindrücke annimmt, und mit einem schnell ingerierten Zusatze lebendiger Individualität zurückschnellt – Nenn's unentlehnte, natürliche, innerliche Energie der Seele; nenn's Schöpfungskraft; nenn's Menge in- und extensiver Seelenkräfte – Sammlung, Konzentrierung aller Naturkräfte; nenn's lebendige Darstellungskunst; nenn's Meisterschaft über sich selbst; nenn's Herrschaft über die Gemüter; nenn's Wirksamkeit, die immer trifft, nie fehlt in alle ihrem Wirken, Leiden, Lassen, Schweigen, Sprechen; nenn's Innigkeit, Herzlichkeit, mit Kraft sie fühlbar zu machen. Nenn's Zentralgeist, Zentralfeuer, dem nichts widersteht; nenn's lebendigen und lebendig machenden Geist, der sein Leben führt, und leicht und vollkräftig mitteilt; sich in alles hineinwirft mit Lebensfülle, mit Blitzeskraft – Nenn's Übermacht über all nenn's Ahndung des Unsichtbaren im Sichtbaren, des Zukünftigen im Gegenwärtigen. Nenn's tiefes erregtes Bedürfnis mit Ahndung innerer Kraft, die das Bedürfnis stillt und sättigt – Nenn's ungewöhnliche Wirksamkeit durch ungewöhnliches Bedürfnis erregt und unterhalten! Nenn's ungewöhnliche Schnelligkeit des Geistes, entfernte Verhältnisse mit glücklicher Überspringung der Mittelverhältnisse zusammenzufassen oder Ähnlichkeiten, die sich nicht herausforschen lassen, im eilenden Vorbeiflug zu ergreifen – Nenn's „Vernunft im schnellsten Flammenstrome der Empfindungen und Tätigkeit". – Nenn's Glaube, Liebe, Hoffnung, die sich nicht geben, nicht nachäffen läßt; oder nenn's schlechtweg nur Erfindungsgabe – oder Instinkt: Nenn's und beschreib's, wie du willst und kannst – allemal bleibt das gewiß – das Ungelernte, Unentlehnte, Unlernbare, Unentlehnbare, innig Eigentümliche, Unnachahmliche, Göttliche – ist Genie – das Inspirationsmäßige ist Genie – hieß bei allen Nationen, zu allen Zeiten Genie – und wird's heißen, solange Menschen denken und empfinden und reden.

    F. Schiller, Die Kindesmörderin (1780)

    Horch – die Glocken weinen dumpf zusammen
    Und der Zeiger hat vollbracht den Lauf,
    Nun, so sei's denn! – Nun, in Gottes Namen!
    Grabgefährten, brecht zum Richtplatz auf.
    Nimm, o Welt, die letzten Abschiedsküsse,
    Diese Tränen nimm, o Welt, noch hin.
    Deine Gifte – o sie schmeckten süße Wir sind quitt, du Herzvergifterin.

    Fahret wohl, ihr Freuden dieser Sonne,
    Gegen schwarzen Moder umgetauscht!
    Fahre wohl, du Rosenzeit voll Wonne,
    Die so oft das Mädchen lustberauscht;
    Fahret wohl, ihr goldgewebten Träume, Paradieseskinder – Phantasien! –
    Weh! sie starben schon im Morgenkeime,
    Ewig nimmer an das Licht zu blühn.

    Schön geschmückt mit rosenroten Schleifen
    Deckte mich der Unschuld Schwanenkleid,
    In der blonden Locken loses Schweifen
    Waren junge Rosen eingestreut:–
    Wehe! – Die Geopferte der Hölle
    Schmückt noch itzt das weißlichte Gewand,
    Aber ach! – der Rosenschleifen Stelle
    Nahm ein schwarzes Totenband.

    Weinet um mich, die ihr nie gefallen,
    Denen noch der Unschuld Lilien blühn,
    Denen zu dem weichen Busenwallen
    Heldenstärke die Natur verliehn!
    Wehe! menschlich hat dies Herz empfunden!
    Und Empfindung soll mein Richtschwert sein!
    Weh! vom Arm des falschen Manns umwunden,
    Schlief Louisens Tugend ein.

    Ach vielleicht umflattert eine andre,
    Mein vergessen, dieses Schlangenherz,
    Überfließt, wenn ich zum Grabe wandre,
    An dem Putztisch in verliebten Scherz?
    Spielt vielleicht mit seines Mädchens Locke? Schlingt den Kuß, den sie entgegenbringt?
    Wenn verspritzt auf diesem Todesblocke,
    Hoch mein Blut vom Rumpfe springt.

    Joseph! Joseph! auf entfernte Meilen
    Folge dir Louisens Totenchor,
    Und des Glockenturmes dumpfes Heulen
    Schlage schrecklich mahnend an dein Ohr
    Wenn von eines Mädchens weichem Munde
    Dir der Liebe sanft Gelispel quillt,
    Bohr es plötzlich eine Höllenwunde
    In der Wollust Rosenbild!

    Ha Verräter! Nicht Louisens Schmerzen?
    Nicht des Weibes Schande, harter Mann?
    Nicht das Knäblein unter meinem Herzen?
    Nicht was Löw und Tiger mildern kann?
    Seine Segel fliegen stolz vom Lande,
    Meine Augen zittern dunkel nach,
    Um die Mädchen an der Seine Strande
    Winselt er sein falsches Ach! – –

    Und das Kindlein – in der Mutter Schoße
    Lag es da in süßer goldner Ruh,
    In dem Reiz der jungen Morgenrose
    lachte mir der holde Kleine zu,
    Tödlich-lieblich sprang aus allen Zügen
    Sein geliebtes teures Bild mich an,
    Den beklommnen Mutterbusen wiegen
    Liebe und – Verzweiflungswahn.

    Weib, wo ist mein Vater? lallte
    Seiner Unschuld stumme Donnersprach,
    Weib, wo ist dein Gatte? hallte
    Jeder Winkel meines Herzens nach –
    Weh, umsonst wirst Waise, du ihn suchen,
    Der vielleicht schon andre Kinder herzt,
    Wirst der Stunde unsrer Wollust fluchen,
    Wenn dich einst der Name Bastard schwärzt.

    Deine Mutter – o im Busen Hölle!
    Einsam sitzt sie in dem All der Welt,
    Durstet ewig an der Freudenquelle,
    Die dein Anblick fürchterlich vergällt.
    Ach, in jedem Laut von dir erklingen
    Schmerzgefühle des vergangnen Glücks,
    Und des Todes bittre Pfeile dringen
    Aus dem Lächeln deines Kinderblicks.

    Hölle, Hölle, wo ich dich vermisse,
    Hölle, wo mein Auge dich erblickt,
    Eumenidenruten deine Küsse,
    Die von seinen Lippen mich entzückt,
    Seine Eide donnern aus dem Grabe wieder,
    Ewig, ewig würgt sein Meineid fort,
    Ewig – hier umstrickte mich die Hyder; –
    Und vollendet war der Mord –

    Joseph! Joseph! auf entfernte Meilen
    Jage dir der grimme Schatten nach,
    Mög mit kalten Armen dich ereilen, Donnre dich aus Wonneträumen wach,
    Im Geflimmer sanfter Sterne zucke Dir des Kindes grasser Sterbeblick,
    Es begegne dir im blut'gen Schmucke,
    Geißle dich vom Paradies zurück.

    Seht! da lag's entseelt zu meinen Füßen –
    Kalt hinstarrend, mit verworrnem Sinn
    Sah ich seines Blutes Ströme fließen,
    Und mein Leben floß mit ihm dahin; –
    Schröcklich pocht schon des Gerichtes Bote,
    Schröcklicher mein Herz!
    Freudig eilt ich, in dem kalten Tode
    Auszulöschen meinen Flammenschmerz.

    Joseph! Gott im Himmel kann verzeihen,
    Dir verzeiht die Sünderin.
    Meinen Groll will ich der Erde weihen,
    Schlage, Flamme, durch den Holzstoß hin –
    Glücklich! Glücklich! Seine Briefe lodern
    Seine Eide frißt ein siegend Feur,
    Seine Küsse! – wie sie hochan flodern!
    Was auf Erden war mir einst so teur?

    Trauet nicht den Rosen eurer Jugend,
    Trauet, Schwestern, Männerschwüren nie!
    Schönheit war die Falle meiner Tugend,
    Auf der Richtstatt hier verfluch ich sie! –
    Zähren? Zähren in des Würgers Blicken?
    Schnell die Binde um mein Angesicht!
    Henker, kannst du keine Lilie knicken?
    Bleicher Henker, zittre nicht! 

    F. Schiller, Vorrede zu Der Verbrecher aus verlorener Ehre (1786)

    Der folgende Textauszug ist eine Passage aus Schillers Vorwort zu seiner Erzählung „Der Verbrecher aus verlorener Ehre" (1786). Schiller geht darin der Frage nach, wie es kommt, daß bestimmte Menschen zu Verbrechern werden, und welchen Anteil daran die Gesellschaft hat. Er fordert, daß man nicht nur die äußerlichen Erscheinungen der Natur untersuchen solle, sondern sich auch um das Innere des Menschen kümmern müsse.

    Man hat das Erdreich des Vesuvs untersucht, sich die Entstehung seines Brandes zu erklären; warum schenkt man einer moralischen Erscheinung weniger Aufmerksamkeit als einer physischen? Warum achtet man nicht in eben dem Grade auf die Beschaffenheit und Stellung der Dinge, welche einen solchen Menschen umgaben, bis der gesammelte Zunder in seinem Inwendigen Feuer fing? Den Träumer, der das Wunderbare liebt, reizt eben das Seltsame und Abenteuerliche einer solchen Erscheinung; der Freund der Wahrheit sucht eine Mutter zu diesen verlorenen Kindern. Er sucht sie in der unveränderlichen Struktur der menschlichen Seele und in den veränderlichen Bedingungen, welche sie von außen bestimmten, und in diesen beiden findet er sie gewiß. Ihn überrascht es nun nicht mehr, in dem nämlichen Beete, wo sonst überall heilsame Kräuter blühen, auch den giftigen Schierling gedeihen zu sehen, Weisheit und Torheit, Laster und Tugend in einer Wiege beisammen zu finden. Wenn ich auch keinen der Vorteile hier in Anschlag bringe, welche die Seelenkunde aus einer solchen Behandlungsart der Geschichte zieht, so behält sie schon allein darum den Vorzug, weil sie den grausamen Hohn und die stolze Sicherheit ausrottet, womit gemeiniglich die ungeprüfte aufrechtstehende Tugend auf die gefallne herunterblickt; weil sie den sanften Geist der Duldung verbreitet, ohne welchen kein Flüchtling zurückkehrt, keine Aussöhnung des Gesetzes mit seinem Beleidiger stattfindet, kein angestecktes Glied der Gesellschaft von dem gänzlichen Bande gerettet wird. […]

    J.W. Goethe, aus: Die Leiden des jungen Werthers

    Am 10. Mai

    Eine wunderbare Heiterkeit hat meine ganze Seele eingenommen, gleich den süßen Frühlingsmorgen, die ich mit ganzem Herzen genieße. Ich bin allein und freue mich meines Lebens in dieser Gegend, die für solche Seelen geschaffen ist wie die meine. Ich bin so glücklich, mein Bester, so ganz in dem Gefühle von ruhigem Dasein versunken, daß meine Kunst darunter leidet. Ich könnte jetzt nicht zeichnen, nicht einen Strich, und bin nie ein größerer Maler gewesen als in diesen Augenblicken. Wenn das liebe Tal um mich dampft, und die hohe Sonne an der Oberfläche der undurchdringlichen Finsternis meines Waldes ruht, und nur einzelne Strahlen' sich in das innere Heiligtum stehlen, ich dann im hohen Grase am fallenden Bache liege, und näher an der Erde tausend mannigfaltige Gräschen mir merkwürdig werden; wenn ich das Wimmeln der kleinen Welt zwischen Halmen, die unzähligen, unergründlichen Gestalten der Würmchen, der Mückchen näher an meinem Herzen fühle, und fühle die Gegenwart des Allmächtgen, der uns nach seinem Bilde schuf, das Wehen des Alliebenden, der uns in ewiger Wonne schwebend trägt und erhält; mein Freund! wenn's dann um meine Augen dämmert, und die Welt um mich her und der Himmel ganz in meiner Seele ruhn wie die Gestalt einer Geliebten – dann sehne ich mich oft und denke: Ach könntest du das wieder ausdrücken, könntest du dem Papiere das einhauchen, was so voll, so warm in dir lebt, daß es würde der Spiegel deiner Seele wie deine Seele ist der Spiegel des unendlichen Gottes! – Mein Freund – Aber ich gehe darüber zugrunde, ich erliege unter der Gewalt der Herrlichkeit dieser Erscheinungen.

    Am 12. Dezember

    Lieber Wilhelm, ich bin in einem Zustande, in dem jene Unglücklichen gewesen sein müssen, von denen man glaubte, sie würden von einem bösen Geiste umhergetrieben. Manchmal ergreift mich's; es ist nicht Angst, nicht Begier – es ist ein inneres, unbekanntes Toben, das meine Brust zu zerreißen droht, das mir die Gurgel zupreßt! Wehe! wehe! und dann schweife ich umher in den furchtbaren nächtlichen Szenen dieser menschenfeindlichen Jahreszeit. Gestern abend mußte ich hinaus. Es war plötzlich Tauwetter eingefallen, ich hatte gehört, der Fluß sei übergetreten, alle Bäche geschwollen und von Wahlheim herunter mein liebes Tal überschwemmt! Nachts nach eilfe rannte ich hinaus. Ein fürchterliches Schauspiel, vom Fels herunter die wühlenden Fluten in dem Mondlichte wirbeln zu sehen, über Äcker und Wiesen und Hecken und alles, und das weite Tal hinauf und hinab eine stürmende See im Sausen des Windes! Und wenn dann der Mond wieder hervortrat und über der schwarzen Wolke ruhte, und vor mir hinaus die Flut in fürchterlich herrlichem Widerschein rollte und klang: da überfiel mich ein Schauer, und wieder ein Sehnen. Ach, mit offenen Armen stand ich gegen den Abgrund und atmete hinab! hinab! und verlor mich in der Wonne, meine Qualen, meine Leiden da hinabzustürmen! dahinzubrausen wie die Wellen! O! – und den Fuß vom Boden zu heben vermochtest du nicht, und alle Qualen zu enden! – Meine Uhr ist noch nicht ausgelaufen, ich fühle es! O Wilhelm! wie gern hätte ich mein Menschsein drum gegeben, mit jenem Sturmwinde die Wolken zu zerreißen, die Fluten zu fassen! Ha! und wird nicht vielleicht dem Eingekerkerten einmal diese Wonne zuteil? […]

    Johann Anton Leisewitz: Die Pfandung

    Ein Bauer und seine Frau
    Abends in ihrer Schlafkammer

    Der Mann: Frau, liegst du? So thu' ich das Licht aus. Dehne dich zu guter letzt noch einmal recht in deinem Bette. Morgen wirds gepfandet. Der Fürst hats verprasst.
    Die Frau: Lieber Gott!
    Der Mann (indem er sich niederlegt): Bedenk einmal das wenige, was wir ihm gegeben haben, gegen das Geld, was er durchbringt; so reicht es kaum zu einem Trunke seines köstlichen Weins zu.
    Die Frau: Das ist erschrecklich, wegen eines Trunkes zwei Leute unglücklich zu machen! Und das thut einer, der nicht einmal durstig ist! Die Fürsten können ja nie recht durstig seyn.
    Der Mann: Aber wahrhaftig, wenn auch in dem Kirchengebet das kommt: „Unsern durchlauchtigen Landesherrn und sein hohes Haus", so kann ich nicht mit beten. Das hieße Gott spotten, und er lässt sich nicht spotten.
    Die Frau: Freilich nicht ! – Ach, ich bin in diesem Bette geboren, und, Wilhelm, Wilhelm, es ist unser Brautbett!
    Der Mann (springt auf): Bedächte ich nicht meine arme Seele, so nähm ich mein Strumpfband, betete ein gläubig Vaterunser und hinge mich an diesen Bettpfosten.
    Die Frau (schlägt ein Kreuz): Gott sey mit uns! – Da hättest du dich schön gerächt!
    Der Mann: Meinst du nicht? – Wenn ich so stürbe, so würdest du doch wenigstens einmal seufzen!
    Die Frau: Ach Mann!
    Der Mann: Und unser Junge würde schreien! Nicht?
    Die Frau: Gewiß!
    Der Mann: Gut! An jenem Tage ich, dieses Seufzen und Schreien auf einer Seite – der Fürst auf der andern! Ich dächte, ich wäre gerächt.
    Die Frau: Wenn du an jenen Tag denkst, wie kannst du so reden? Da seyd ihr, der Fürst und du, ja einander gleich.
    Der Mann: Das wolle Gott nicht! Siehe, ich gehe aus der Welt, wie ich über Feld gehe, allein, als ein armer Mann. Aber der Fürst geht heraus, wie er reist, in einem großen Gefolge. Denn alle Flüche, Gewinsel und Seufzer, die er auf sich lud, folgen ihm nach.
    Die Frau : Desto besser! – So sieh doch dies Leben als einen heißen Erntetag an! – Darauf schmeckt die Ruhe so süß; und dort ist Ruhe von Ewigkeit zu Ewigkeit.
    Der Mann (legt sich wieder nieder): Amen! Du hast recht, Frau. Lass' sie das Bett nehmen, die Unsterblichkeit können sie mir doch nicht nehmen! Schlaf wohl.
    Die Frau: Und der Fürst und der Vogt sind ja auch unsterblich. – Gute Nacht! Ach, morgen Abend sagen wir uns dies auf der Erde.
     


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