Rund um Essays

(verfasst zusammen mit Prof. Peter Merkel, Heidelberg, erschienen im Cornelsen-Verlag, Berlin, Februar 2012)

„Rund um den Essay“: Der Titel umreißt das methodische Programm des Hefts; er ist nicht nur der Reihe geschuldet, in der er erscheint. Nicht um eine Definition geht es nämlich, sondern um eine schrittweise Annäherung an die Textgattung von unterschiedlichen Seiten. Texte aus der Geschichte des Essays und theoretische Bestimmungsversuche entwerfen bereits ein recht feinkörniges Bild dessen, was einen Essay ausmacht. Repräsentative Textbeispiele jüngeren und jüngsten Datums verfeinern und erweitern dieses Bild zusätzlich. Komplettiert werden diese Textbeispiele durch einen umfangreichen Materialienteil zu ausgewählten Themenbereichen sowie durch eine „Schreibwerkstatt“, die den Lernenden wertvolle Hinweise für das Verfassen eigener Essays gibt.

 

Der Essay – ein Spaziergang?

„Ein Essay ist ein Spaziergang, ein Lustwandeln, keine Handelsreise. [ ... ]  Der eine Spaziergänger interessiert sich für die Blumen, ein anderer für die Aussicht, ein dritter sucht Insekten. Die Jagd nach Schmetterlingen ist erlaubt. Alles ist erlaubt – außer den Absichten des Vermessers, des Bauern, des Spekulanten.“ (Michael Hamburger, Essay über den Essay, 1965).

Die Bewegungsstruktur des Essayisten ist eher das Promenieren als das geschäftig-zielbewusste Streben zum Arbeitsplatz; er will niemandem etwas beibringen, sondern selbst durch konzentriertes und bewusstes Wahrnehmen seiner Umwelt etwas lernen. Er will vom Sehen zum Erkennen finden. Diesem Lernprinzip folgt auch die Konzeption des Hefts: Nicht um die starre Vermittlung toten Wissens geht es, sondern durch kreativen Umgang mit Texten soll die Fähigkeit vermittelt werden, selbstständig im Umgang mit Texten zu Erkenntnissen zu gelangen. Die Auswahl der Essays vermittelt einen Überblick über Geschichte und Entwicklung der Gattung und die Übungen dazu sind zwar genau auf die einzelnen Texte abgestimmt, können aber doch als exemplarisch gelten.

Das Heft ist in folgende Kapitel unterteilt:

Versuche über den Essay

Von Montaigne im 16. Jahrhundert über Kurt Tucholsky und Theodor W. Adorno bis hin zu Marcel Reich-Ranicki und anderen reicht die Reihe derer, die sich zum Essay geäußert haben. Bereits durch diese Textbeispiele werden die zentralen Bausteine eines Essays angesprochen, die diese Textgattung bis heute charakterisieren. Deutlich wird dabei aber auch die Vielgestaltigkeit des Essays und die Problematik einer eindeutigen Bestimmung der Gattung.

Inhaltliche und formale Übungen

Die ungezwungene Erscheinungsform des Essays darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass ein guter Essay einen erkennbaren gedanklichen Aufbau hat und nicht etwa einzelne spontane Gedanken willkürlich aneinanderreiht. Die zentralen Fragen sind: Wie strukturiert man etwas, das unstrukturiert scheinen kann, dies aber nicht sein soll? Wie baut man einen Essay auf? Wie erreicht man eine nachvollziehbare gedankliche Entwicklung und einen inneren Zusammenhang, ohne dabei in die Nähe einer Erörterung zu kommen? – Am Beispiel von Essays namhafter Autoren wie Enzensberger, Frisch, Dürrenmatt oder Brecht geht dieses Kapitel handlungsorientiert schrittweise an die Produktion eines Essays heran, indem es authentische Essays in Teilen vorgibt und möglichst sinngemäß ergänzen lässt. Diese Rekonstruktionsversuche der Schülerinnen und Schüler schärfen deren Blick für immanente Textstrukturen und stilistische Feinheiten.

Die je nach Text unterschiedlichen, immer aber abwechslungsreichen und funktionalen Vorgehensweisen die methodische Variantenvielfalt der Behandlung des Essays im Unterricht ab.

Die Schreibwerkstatt

Erweitert und vertieft werden die sprachlichen, inhaltlichen und formalen Übungen in der „Schreibwerkstatt“. Hier werden im Detail Aspekte essayistischen Schreibens genannt und an ausgewählten Beispielen vertieft, der Schreibprozess wird von Beginn an nachvollzogen. Zuerst wird der Umgang mit dem Materialienteil, dem Dossier, besprochen, dann zeigt eine Gegenüberstellung von Erörterung und Essay typische Unterschiede beider Textsorten und schließlich wird – wiederum an Beispielen – dargestellt, wie man einen Essay nach dem Schreiben überarbeitet.  

Der Essay im Längsschnitt

Nach den zahlreichen verschiedenartigen Übungen zum „Essay" geht es in diesem Kapitel in erster Linie um eine Art Topografie der Textgattung. Gezeigt wird ihre Vielgestaltigkeit und deren Konsequenzen für einen interpretatorischen Zugriff auf den Essay. Das Kapitel besteht aus drei Teilen: Im ersten finden sich Texte aus der früheren Geschichte des Essays: Es beginnt mit Michel de Montaignes Essay „Über die Schulmeisterei“ von 1580 und endet mit einem Essay Goethes aus dem Jahr 1824. Im zweiten Teil finden sich prominente Namen des 20. Jahrhunderts: Albert Einstein sinniert über „Religion und Wissenschaft“ (1930), Thomas Mann stimmt ein „Lob der Vergänglichkeit“ an (1952) und Siegfried Lenz' Essay „Wettlauf der Ungleichen“ (1970) schließt ein Teilkapitel ab, in dem auch Kurt Tucholsky und Ingeborg Bachmann noch zu Wort kommen. Im dritten und letzten Teilkapitel finden sich mit Essays von Hans Magnus Enzensberger und Juli Zeh zeitgenössische Texte nach der Jahrtausendwende.

Die Dossiers

Viel Arbeit erspart den Schülerinnen und Schülern wie auch den Lehrkräften schließlich der letzte Teil des Hefts. Zu sieben ganz unterschiedlichen Themenbereichen wurden Materialsammlungen zusammengestellt, wie sie beispielsweise in allgemein bildenden Gymnasien in Baden-Württemberg ab 2014 den Schülerinnen und Schülern beim Abitur an die Hand gegeben werden. Diese so genannten Dossiers können – müssen nicht! – als Hilfe beim Verfassen des Essays verwendet werden. Auf jeden Fall geben sie wichtige Hinweise auf mögliche, im „Spaziergang des Essays“ gangbare Wege und Sichtweisen.

Der Reiz des Unfertigen – ein vorläufiges Fazit

„Der Essayist brüllt und schreit nicht, wie er auch nicht lauthals lacht; er predigt so wenig wie er doziert. Wut und Zorn sind verbannt; sie prägen sich nur im nachhallenden Satzrhythmus aus. [ ... ] Große und hohe Gefühle verschanzen sich hinter einem Zitat; Hohn und Spott werden zu feiner Ironie“ (aus: Bruno Berger: Der Essay. Form und Geschichte). Der Essay liefert keine Wahrheiten, er ist von seinem Wesen her unabgeschlossen. Er plaudert, doch ohne zu schwätzen, er regt zum Denken an, auch zum Querdenken. Er ist prinzipiell offen, doch nicht x-beliebig. Er gibt den Schülerinnen und Schülern viele Freiheiten, doch keine absolute Freiheit. Ihn zu definieren ist fast unmöglich, ihn zu erkennen dagegen recht einfach.

Der Essay wurde oft als das „Chamäleon unter den Kunstformen“ bezeichnet. Genau das macht ihn so reizvoll.

 

 

[[Diese Einführung in das Heft entspricht der in DEUTSCHextra, Februar 2012 vom Cornelsen-Verlag publizierten Einführung. Der Text wurde zwar von mir verfasst, das Copyright liegt aber beim Cornelsen-Verlag. Eine Textübernahme, auch auszugsweise, ist nur mit Genehmigung des Verlags gestattet.]]